Rücken an Rücken

„24h Jerusalem“ (BR/arte)


Da saßen sie nun, die Freunde und Weggefährten aus Deutschland. Bekannte Gesichter waren darunter, wie die Kinoregisseure Dani Levy oder Hans-Christian Schmid oder die Schauspielerin Maria Schrader. Kameraleute vom Schlage eines Benedict Neuenfels waren dabei, Dokumentarfilmer wie Andres Veiel oder Alice Agneskirchner. Die meisten hatten schon  bei „24h Berlin“ mitgemacht. Ohne nach Gage zu fragen, waren sie  dem Hilferuf des Berliner Filmproduzenten Thomas Kufus gefolgt und an diesem Tag nach Israel gekommen, um ein Filmprojekt zu retten, das nicht zum ersten Mal vor dem Aus zu stehen schien. „Wir können nicht noch einmal verschieben, schon aus finanziellen Gründen“, beschrieb Kufus an diesem Abend die prekäre Lage. „Wir müssen in drei Tagen drehen. Schlimmstenfalls freestyle mit unseren Handykameras.“


Der denkwürdige Abend in Jerusalem ist fast genau ein Jahr her, die schlimmsten Befürchtungen sind nicht eingetreten. Im Gegenteil. Am Sonnabend werden der Kulturkanal arte und das Dritte Programm des Bayerischen Rundfunk ab sechs Uhr morgens mit „24h Jerusalem“ die wohl brisanteste Dokumentation zeigen, die das deutsche Bildungsfernsehen je umgesetzt – man könnte auch sagen: durchgestanden – hat.


Trotz eines Boykottaufrufes, trotz mysteriöser nächtlicher Gewaltandrohungen an die palästinensischen Protagonisten und Kreativen,  trotz und vielleicht eher wegen alledem,  haben die siebzig Kamerateams von „24h Jerusalem“ am 18. April 2013 in Ost- und Westjerusalem rund 500 Stunden Filmmaterial gedreht.

Zehn Monate lang hat Volker Heise, Künstlerischer Direktor des Projektes, daraus in Berlin am Schneidetisch ein einzigartiges, buchstäblich vielstimmiges Programm zusammengestellt: Fast hundert Menschen erzählen nun in 14 verschiedenen Sprachen, wie sie in der geteilten Stadt leben, woran sie glauben, was sie umtreibt, wofür sie kämpfen, beten, sich begeistern.


So ist erneut gelungen, was den Berliner Filmemachern Volker Heise und Thomas Kufus 2009 mit „24h Berlin – Ein Tag im Leben“ schon einmal geglückt war: dass das Fernsehen in Echtzeit rund um die Uhr den Alltag einer Metropole und seiner Bewohner an einem „ganz normalen Tag“ zeigt. Aber „24h Jerusalem“ ist mit seinem Vorbild nur der Form halber vergleichbar. Denn: Was ist in Jerusalem schon normal?

„Wir haben die Herausforderung zunächst total unterschätzt“, sagt Volker Heise rückblickend in seinem Büro in Berlin-Mitte. „Wir dachten, wir übertragen unser Know-how aus „24h Berlin“ an die Leute vor Ort, und dann fahren wir wieder“, erinnert sich Kufus. Heute nennt er diesen Ursprungsplan von 2009 den „Kardinalfehler“. 


Amsterdam , Paris , Moskau , London , Istanbul – es hätte etliche Möglichkeiten geben, an den Erfolg von „24h Berlin“ anzuschließen. Aber einfach noch einmal den Müllmännern durch die Straßen von Amsterdam folgen? Den Bürgermeister von Paris von Sitzung zu Sitzung begleiten? Einen Stardirigenten in London zur Mitwirkung überreden? Hier einem Sternekoch in die Töpfe gucken? Dort einer Gebärenden beim Hecheln zusehen? Eine Prostituierte, einen Junkie, eine Transe, einen Bestatter casten? Sicher, das alles hätte man machen können. Aber letztlich sind sich die modernen Metropolen in ihren Bewohnern, Themen und Problemen doch ziemlich ähnlich.


Schon vor der Ausstrahlung von „24h Berlin“ hatte das Goethe-Institut Tel Aviv ins Spiel gebracht. Thomas Kufus, der die Stadt gut kennt, streckte  seine Fühler aus. Aber damals gab es noch eine – inzwischen abgeschaffte – Vorschrift für das israelische Fernsehen, alle Sendungen nicht nur in hebräisch, sondern wegen der vielen Einwanderer auch in russisch auszustrahlen. Man hätte also 24 Stunden Sendematerial übersetzen und untertiteln müssen, das wäre zu teuer geworden.


Dann sagte jemand: Was ist eigentlich mit Jerusalem? Der heiligen, der zerteilten, der umkämpften, der historischen  Stadt? Der Kulturkanal arte sowie das Bayerische Dritte zeigten sich sofort interessiert, ein solches Bildungsprogramm für den europäischen Zuschauermarkt zu finanzieren. Thomas Kufus machte sich auf, um in Israel die nötigen Koproduktions-Partner zu finden. Dass Filmemacher aus dem jüdischen Westteil wie aus dem besetzten Ostteil der geteilten Stadt mitmachen wollten, stand für die Berliner natürlich fest. „Im Grunde war unser erster Plan total naiv“, gibt Volker Heise zu, „so als wäre 1987 ein internationales Fernsehteam nach Berlin gekommen und hätte gesagt: Wir wollen mal was über ganz Berlin machen. Das hätte sicher auch Ärger gegeben.“


In Jerusalem leben zwei Gesellschaften Rücken an Rücken, wie vor dem Mauerfall in Ost- und Westberlin wissen beide Seiten wenig bis gar nichts voneinander. Eine Zusammenarbeit mit Israelis schließen viele Palästinenser aus. Weil es für sie ein normales Verhältnis zu den Besatzern nicht geben kann, bekämpfen sie jede Kooperation mit den Israelis als „Normalization“.


Natürlich war die Erfahrung von „24h Berlin“ für Kufus und Heise eine gute Grundlage, aber sie verstellte zunächst auch den Blick: Als 2008 die 80 Drehteams von „24h Berlin“ ausschwärmten, war der Mauerfall fast zwanzig Jahre her. Sie portraitierten eine Stadt, die die Trennung in zwei Hälften einigermaßen überwunden hatte. Die Brüche, die Narben, die alten Grenzen und das neue Metropolengefühl, die Altkommunisten und die Neuberliner – das alles war Teil des Vorhabens gewesen. Aber in den unzähligen Portraits, Episoden, Miniaturen war es letztlich um die Frage gegangen: Was versteckt sich hinter diesem reibungslosen Großstadt-Alltag?


Dass es in Jerusalem genau umgekehrt sein würde, begriff selbst Formaterfinder Volker Heise erst im Tun vor Ort. In Jerusalem sucht man nicht die Sensation hinter der Alltäglichkeit. Hier, wo drei Weltreligionen ihre heiligsten Orte wähnen, wo der Nahostkonflikt in jedem Straßenverlauf, jeder Biographie, jeder Äußerung aufblitzen kann, ist der Alltag die Rarität, die es aufzustöbern gilt.


Wenn zum Beispiel in der Charité ein Kind geboren wird, war das für „24h Berlin“ eine schöne Geschichte. Wenn in Jerusalem die jüdische Hebamme Yana Glazer bei ihrer Arbeit beobachtet wird, dann geht es nicht mehr nur um die Geburt eines Babys, sondern auch um die politische Bedeutung von Kinderreichtum im Rahmen der Siedlungspolitik. Die BSR war in „24h Berlin“ die BSR. Wenn ein Team von „24h Jerusalem“ zwei Müllmänner auf ihrer Tour begleitet, und die Kamera die unübersehbar ramponierten Container zeigt, erläutert der Off-Kommentar, dass diese Container bei Straßenkämpfen regelmäßig als Barrikaden zweckentfremdet  werden. Nichts ist hier bloß ein einfacher Alltagsgegenstand.


So war das Zerwürfnis vielleicht vorprogrammiert, dennoch wurden Heise und Kufus vom Boykott der Palästinenser im Spätsommer 2012 völlig überrascht. Wenige Tage vor Drehbeginn musste alles abgesagt werden, weil sich die Regisseure des Palästinenser-Teams über Nacht einem Boykottaufruf fügten und aus dem Projekt ausstiegen. Die „No Normalization“-Fraktion, hatte gesiegt. Vorerst.


Ein halbes Jahr später startete „24h Jerusalem“ noch einmal durch – besser vorbereitet, realistischer in der Einschätzung der Möglichkeiten, vertrauter mit den Gegebenheiten vor Ort.   Thomas Kufus als Produzent und Volker Heise als Künstlerischer Direktor übernahmen nun die Gesamtverantwortung. Es wurden drei gleichberechtigte Gruppen gebildet, die nun ihrerseits Rücken an Rücken arbeiteten: Ein israelisches Drehteam, das den Alltag in West-Jerusalem filmen, ein palästinensisches, das auf der Ostseite der Stadt drehen, und zusätzlich auch noch ein europäisches Team, das dem deutschen Publikum die Perspektive der Christen, Touristen, Pilger und internationalen Beobachter näher bringen sollte.


Ausgerechnet Heise und Kufus, die mit ihrem Filmprojekt die Stadthälften ja als – wenn auch brüchige – Einheit zeigen wollten, errichteten nun ihrerseits eine organisatorische Mauer: Obwohl die Büros nur fünf Minuten von einander entfernt lagen, sorgten alle penibel dafür, dass die Teams nie aufeinandertrafen. Diese strikte Trennung war das Zugeständnis an die Gegner der „Normalization“. Die  Forderung, dass die Palästinenser  über die Protagonisten auf israelischer Seite mitzubestimmen hätten, wiesen die Deutschen aber kategorisch zurück. Erst am Schnittplatz in Berlin, so das Versprechen, würde Volker Heise mit seinen beiden Teamchefs – ein Palästinenser und ein Israeli – die Teile der Stadt zusammenfügen, ohne dabei die Zerrissenheit zuzudecken.


Hatte „24h Berlin“ vor allem mit minutiösen Zeitangaben davon erzählt, wie zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten der Stadt mal Verschiedenes, mal Gleiches passierte, ist in „24h Jerusalem“ die Gleichzeitigkeit nicht mehr das Hauptthema, sondern das Nebeneinander. Die Episoden erzählen vor allem vom explosiven Hüben und Drüben,  vom Leben im Dreieck der Weltreligionen und dem Zwiespalt der Weltanschauungen: Wie backt der jüdische Bäcker sein Brot, wie der arabische? Wie dient der Muezzin der Al Aqsa-Moschee seinem Gott, wie der Franziskanermönch in der Grabeskirche dem seinen? Wir kommen die Rektorin der palästinensischen Grundschule oder der Hotelangestellte aus Ramallah pünktlich zu ihren Arbeitplätzen, wenn dazwischen der Checkpoint mit einer Wartezeit von bis zu drei Stunden liegt? Wie schlägt Mahmoud aus dem Flüchtlingslager die Zeit tot? Und was macht der obdachlose US-Amerikaner im Park, der vor 12 Jahren der Heiligen Stadt rettungslos verfallen ist? Wir sehen, wie der jüdische Siedler Aanon versucht, auf den Tempelberg zu gelangen – was eine Provokation ist, weil der als Gebetsplatz Muslimen vorbehalten ist.


Oder wie der schwer bewaffnete Polizist Ariel Weitzel vor dem Damaskustor, hinter dem sich die Altstadt in ein muslimisches und eines christliches Viertel teilt, einen seltsamen Burgfrieden bewacht. Das ist der „ganz normale Tag“ in Jerusalem – die ruhige Nachrichtenlage findet der AFP-Korrespondent eher beunruhigend.  


Wie jedes gute Bildungsprogramm wirft „24h Jerusalem“ für den wissbegierigen Zuschauer am Ende mehr Fragen auf, als der Film beantworten kann. Nicht nur, weil es ja kaum möglich ist, alle 1 440 Minuten der Ausstrahlung komplett zu sehen, müssen am Ende Lücken bleiben. Der Ort selbst gibt vor, dass sich nichts so einfach ineinanderfügt. Die gute Absicht der Dokumentation, über alle politischen und religiösen Gräben hinweg eine Zusammenarbeit zu stiften, wäre daran ja beinahe selbst zerbrochen.


„Letztlich haben wir den Boykott boykottiert“, erinnert sich Volker Heise. Und als sich erst einmal herumgesprochen hatte, dass entgegen der Androhungen beim Drehen niemand behelligt oder gar verletzt wurde, schlossen sich die Palästinenser ihren Kollegen an , trotz der massiven persönlichen Bedrohungen und auf eigenes Risiko. So ist aus dem Fernsehprojekt doch noch ein Verständigungsprozess geworden. Denn die vielen, die an diesem Tag vor und hinter der Kamera „einfach“ ihren Job gemacht haben, bestanden damit darauf, dass aus dem Nebeneinander ihrer Stadt für einen kurzen Moment ein kreatives Miteinander werden kann. Für einen Tag haben sie in Jerusalem die Mauer überwunden. Zumindest im Fernsehen ist Jerusalem nun eine offene Stadt.