Gesagt ist gesagt

Altersglühen - Speeddating für Senioren (ARD)


Schauspieler sind nie sprachlos – außer, es steht im Drehbuch. Viele lernen ihre Dialogsätze vor Drehbeginn wie eine Opernpartitur auswendig. Andere gehen mit einem ungefähren Wissen an den Set. So oder so, die Kunst des Schauspielers besteht vor allem darin, den Zuschauer vergessen zu machen, dass die Figur eine erfundene Behauptung ist, die nur so aussieht wie der echte Matthias Habich oder die wahre Angela Winkler. Aber wie ähnlich sind sich eigentlich Senta Berger und ihre Kriminalrätin Prohacek? Ist Michael Gwisdek auch als Michael Gwisdek so hemdsärmelig wie in seinen Kinorollen? Hat Mario Adorf etwas zu sagen, wenn ihm der Text nicht vorgeschrieben ist? Kurz: Was passiert, wenn das Leben in den Film eindringt wie ein Wasserrohrbruch im Keller und alle Fundamente, auf die eine Inszenierung aufgebaut ist, hinwegschwemmt?


In „Altersglühen – Speeddating für Senioren“ haben sich 13 namhafte Schauspieler dem Wagnis unterzogen, diese Frage rückhaltlos und persönlich zu beantworten. Sie sind einer Einladung von Jan Georg Schütte gefolgt. Der Autor des gleichnamigen, vielfach ausgezeichneten Hörspiels hat für WDR und NDR eine Fernsehadaption entwickelt, die auf der Idee des Hörspiels basiert: Die Figuren, die sich zum organisierten Flirten treffen, werden sich im Laufe des Speeddatings notgedrungen verselbständigen.  Denn die Schauspieler, die ihnen Stimme und Gesicht geben, sprechen keine fertigen Texte, sondern improvisieren auf der Grundlage von Rollenbeschreibungen. Sie müssen also spontan reagieren, ihre eigenen Gedanken benutzen, ihre eigenen Worte finden. Oder auch mal einfach verstummen. Diese Momente der Sprachlosigkeit sind die intensivsten und schönsten, die „Altersglühen“ zu bieten hat. Denn die Verblüffung, die sich im Gesicht von Matthias Habich spiegelt, die Panik, die man bei Mario Adorf unter den Augenbrauen zu sehen meint, wenn ihm eine Frau zu nahe kommt – das alles ist so menschlich wie das Leben selbst.


Nicht von ungefähr hat „Altersglühen“ kein Irgendthema zum Gegenstand, sondern beschäftigt sich mit dem Innersten: Mit der Einsamkeit des Alters, mit der Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Nähe und der Furcht, die Intimität der Zweisamkeit nach dem Tod des Lebenspartners nicht noch einmal mit jemand anderem erleben zu können. Als das Ensemble von „Altersglühen“ – darunter Mario Adorf, Angela Winkler, Senta Berger, Michael Gwisdek, Christine Schorn, Matthias Habich und Hildegard Schmahl – an den Set kam, traten also immer zwei vor die Kamera: Der Schauspieler und seine Figur. Um keine Gelegenheit zur überlegten Selbstdarstellung aufkommen zu lassen, wurde jede Begegnung nur einmal gedreht. Wie auch später im Film saßen die Schauspieler an Tischen und sprachen je sieben Minuten lang miteinander. Dann wechselten die Damen einen Platz weiter – und nahmen eine neue Erfahrung über ihre Figur mit ins nächste Gespräch.


So konturieren sich die Figuren des Films auch für den Zuschauer nachvollziehbar immer mehr: Senta Berger treibt ihre Figur immer weiter weg von der stillen Hoffnung, hier von der Einsamkeit erlöst zu werden. Angela Winkler flirtet von Platzwechsel zu Platzwechsel mehr, Matthias Habich scheint mehr für sich als für seine Partnerin zu agieren. Man kann sehen, wie gut sich Mario Adolf mit Hildegard Schmahl versteht und wie groß die Lust von Michael Gwisdek ist, Michael Gwisdek zu spielen.


An nur zwei Tagen wurde „Altersglühen“ abgedreht. Bis zu 19 Kameras zeichneten die einmaligen Begegnungen auf und machten die Aktionen und Reaktion damit irreversibel. Keine zweite Aufnahem, keine schlauere Antwort, kein schöneres Gesicht – gesagt war gesagt. Am Schnittplatz montierten Jan Georg Schütte und sein Cutter Ulf Albert das Material zu einem großen Ganzen. Der fertige Film lebt nun nicht mehr nur vom Authentischen der Improvisation, sondern auch von einem großartigen Rhythmus und einer sehenswerten Einfühlung in die Seele des Zuschauers. Nähe und Distanz, Komik und Melodramatik wechseln sich ab, lassen die Zuschauer Anteil einer intimen Begegnung werden, ohne dass sie dabei zu Voyeuren werden.


Ergänzend zum Fernsehfilm im Ersten zeigen WDR und NDR eine sechsteilige Serie, die jeweils zwei Figuren über die gesamte Strecke des Speeddatings verfolgt. Vieles, das für den Fernsehfilm dem Zeitmanagement zum Opfer fiel, lässt sich dort noch einmal aus der Nähe betrachten. Wichtiger als dieses Surplus im Dritten ist aber die Tatsache, dass zwischen den vielen so sprachgewaltigen Fernsehfilmen, deren Dramaturgie punktgenau auf Aktschlüsse und Dialogspitzen hin optimiert ist, mit „Altersglühen – Speeddating für Senioren“ im Ersten zur besten Sendezeit etwas zu sehen ist, das im besten Sinne unfertig ist – und damit so überraschend wie das Leben selbst.