Niemals aggressiv

Amokläufe im Fernsehfilm


Wer nicht weiß, was geschehen ist, hält alles für normal. Der geweißelte Bungalow, der gepflegte Garten, das schmucke Brillengeschäft, das geordnete Leben in der Kleinstadt: alles noch da. Aber für Katharina Reich ist vor einem Jahr alles zerbrochen, woran sie ihr Glück festgemacht hat. Zerborsten in ein Davor und ein Danach. Aus dem Kirchenchor ist sie ausgetreten. An die regelmäßig eingeschlagene Schaufensterscheibe des Geschäfts hat sie sich fast schon gewöhnt. Bei aller Schonungslosigkeit, mit der die Autorin und Regisseurin Aelrun Goette in ihren Filmen von emotional verwüsteten Familien („Unter dem Eis“) oder unrettbar verheerten Kindheiten („Keine Angst“) erzählt, geht es ihr doch immer auch um diese Zerbrechlichkeit. In „Ein Jahr nach morgen“ ist es die Mutter einer Amokläuferin, deren Lebensglück zerbrach, weil ihre Tochter Luca ihres nicht fand. Eines Morgens nahm sie das Jagdgewehr auf dem Schrank ihres Vaters, ging in die Schule, legte an. Drückte ab. Auch ein Jahr danach kann niemand sagen, warum sie das tat.


In Rückblenden kann der Zuschauer kurze Blicke auf die junge Frau (Gloria Endres de Oliveira) werfen, die sogar traurig aussieht, wenn sie sich an einem verliebten Lachen versucht. Als klug und ruhig wird die Mutter, großartig verkörpert von Margaritha Broich, ihre Tochter vor Gericht beschreiben. Eine gute Schülerin sei Luca gewesen, und „niemals aggressiv, wenn Sie das meinen!“ Aber das ist eben nur die geweißelte Fassade, wie es dahinter aussah, weiß Katharina schon lange nicht mehr. Ein Tagebuch, dass die Polizei zur Motiv-Aufklärung der Tat dringend sucht, hat Katharina nach der Tat im Garten vergraben. Zu viele unangenehme Wahrheiten stehen darin, vor denen die gut situierte Optikergattin schon lange vor Lucas Tat die Augen verschlossen hat.


Die Vorgeschichte von „Ein Jahr nach morgen“ liegt da wie ein Scherbenhaufen. Lucas autoaggressive Abgründe werden von Goette zwar immer wieder angedeutet, aber an keiner Stelle motivisch auserzählt. Alle Vermutungen bleiben Möglichkeiten: Hat Luca ihre Tat doch alle für ihre Mutter geplant und umgesetzt, um der wenigstens in der Verzweiflung nah zu sein? Oder ist alles, was geschehen ist, nur todbringendes Produkt einer pubertären Zerstörungsphantasien, fatale Gefühlsverirrungen ohne Ziel und ohne Sinn? Gibt es das: böse Kinder?


Der ZDF-Film „Sie hat es verdient“ hat im letzten Jahr auf diese Nicht-Erklärung gesetzt: Linda (Liv Lisa Fries) hat ihre Mitschülerin auf dem Dachboden tot gefoltert. Auf die Frage ihrer Mutter (Veronica Ferres) „Warum?“ antwortet Linda in der Untersuchungshaft knapp und kaltherzig: „Sie hat es verdient.“ Erst im Laufe einer ebenfalls inkomplett erzählten Vorgeschichte macht Autor und Regisseur Thomas Stiller klar: Die tretende Tochter wurde zuhause auch selbst getreten. Bis alles zerbrach. Erst ihre Kinderseele, dann ihre Hemmschwelle, schließlich ihre Zukunft. Und auch in „Vater. Mutter. Mörder“ von Niki Stein (ZDF) hat der adoleszente Sohn eine Tat verübt, die niemand verstehen kann. Am wenigsten die Eltern, die zunächst glauben, er sei von einem falschen Freund zu der Gewalttat verführt worden. Aber die Fakten sprechen eine andere Sprache. „Was haben wir falsch gemacht?“ wird Vater Tom (Heino Ferch) später seine Frau (Silke Bodenbender) fragen. Die entgegnet reserviert: „Wieso hattest du eine geladene Pistole im Schrank?“ Aber Tom behaart: „Nicht die Pistole hat geschossen, Esther. Lukas hat geschossen!“  


Tatsächlich lassen sich für jugendliche Amokläufer keine verlässlichen Täterprofile feststellen. Es gibt kein „Wenn dann“, sondern nur ein „Davor und danach“. Ein dritter Film aus der zurückliegenden Saison hat sich deshalb noch stärker auf die traumatisierten Opfer eines solchen Amoklaufes konzentriert: In „Die Lehrerin“ (ZDF) stellt Autorin Laila Stieler die „Warum“-Frage auf ganz andere Weise: Zwei befreundete Pädagoginnen haben spontan die Klassen getauscht. Wäre alles „nach Plan“ verlaufen, läge nach dem Attentat nicht die Kunstpädagogin Katja (Meret Becker) im Koma, sondern die Biologielehrerin Andrea (Anna Loos). Das Motiv, „einfach“ zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein, spiegelt die tragische Wahllosigkeit wider, mit der Amokläufer häufig ihre Opfer hinrichten.  Es ist interessant, dass alle diese Filme, so unterschiedlich sie ihre Schwerpunkte setzen, sich doch dem gleichen Stilmittel des elliptischen Erzählens bedienen. Die dramaturgische und filmische Montage, die souverän über die Zeitläufe verfügt und zugleich Aussparungen nicht etwa verdeckt, sondern geradezu hervorhebt, passen wohl sinnstiftend zu der allgemeinen Ratlosigkeit einer Gesellschaft, die den vermeintlich sinnlosen Gewaltexzessen an Schulen oder anderen öffentlichen Orten nur fassungslos gegenübertreten kann.


Um wie vieles geschlossener kommt nun im Nachhinein „Ihr könnt euch niemals sicher sein“ daher. Im Herbst 2008 zeigte die ARD das Fernsehspiel (Buch: Eva und Volker Zahn), in dessen Zentrum ein 17-jähriger Oberschüler (Ludwig Trepte) stand, von dem nicht sicher war, ob er ein potentieller Gewalttäter sein könnte oder nur ein aggressiver Hip-Hopper mit großer Klappe. In dieser Geschichte war es (noch) die Schule, die den verunsicherten Jungen mit ihren Verdächtigungen in eine zunehmend missliche Lage versetzte. Die Fiktion hatte auch hier ein eindrückliches Vorbild: Im Jahr vor der Ausstrahlung war es zu einem tragischen Todesfall gekommen: ein Kölner Oberschüler hatte sich in den Tod gestürzt, nachdem ihn die Polizei fälschlicherweise verdächtigt hatte, einen Amoklauf an seiner Schule geplant zu haben.