Nur Getöse


Tatort „Aus der Tiefe der Zeit“ von Dominik Graf


Die Stadt ist eine Baustelle. Was sich in Berlin als simples Alltagserleben liest, ist für den Münchner Regisseur Dominik Graf gewichtiger Topos vieler Filme. Dem ständigen Umbau der Heimat widmete er sich in seinem Filmessay „München – Geheimnisse einer Stadt“ (2000) explizit. Dabei verrätselte er seine Heimatstadt gemeinsam mit dem Filmkritiker Michael Althen zu einem artifiziellen Dickicht, als das die „Hauptstadt der Herzen“ selbst gar nicht gesehen werden will. Auch in Grafs Münchener „Polizeiruf 110: Cassandras Warnung“ (2011) verirrt sich der neue, eben erst zugezogene Kommissar von Meuffels (Matthias Brandt) so rastlos in aufpolierten Schwabinger Nebenstraßen, wie der Zuschauer in den hektisch aufgeworfenen Nebenhandlungen und dahin skizzierten Nebenfiguren.


Wer Grafs Werkliste noch weiter recherchiert, trifft auf seinen legendären „Tatort: Frau Bu lacht“ von 1995: Der Deutsch-Kroate Batic und der Deutsch-Bayer Leitmayr mussten seinerzeit Heiratshandel und Kindesmissbrauch im großen Stil aufdecken. In seinem cineastischen Stilwillen unvergessen, inszenierte Graf das München der „Tatort“-Kommissare als Ort babylonischer Sprachverwirrung, als Kinderseelen verschlingender Moloch, als rechtsfreien Unort.


Nun also, 18 Jahre nach „Frau Bu lacht“, legt Dominik Graf erstmals wieder eine Regiearbeit in der „Tatort“-Reihe vor. „Schimanski“-Miterfinder und „Auf Achse“-Autor Bernd Schwamm, der das Drehbuch zu „Aus der Tiefe der Zeit“ schrieb, ist Grafs Weggefährte aus weit zurückliegenden gemeinsamen „Fahnder“-Zeiten. Diese ARD-Vorabendserie mit Klaus Wennemann genießt aufgrund ihrer an US-Vorbilder angelehnten Modernität bis heute selbst unter „Tatort“-Fans Kultstatus. Es sind hier also gleich zwei Fernsehlegenden verpflichtet worden, deren Ruhm freilich vor allem darin besteht, einst hochmodernes hochdynamisches Unterhaltungsfernsehen gemacht zu haben. Was fangen die Veteranen mit der Fernsehlegende „Tatort“ an in einer Zeit, in der der Krimi längst aller Orten dekonstruiert wird und es schon eher wieder bemerkenswert ist, wenn dies einmal nicht geschieht?


Sie machen den „Tatort“ zur Baustelle. Zur Ansammlung von Umleitungen und Halbfertigkeiten. Urbanität ist in Dominik Grafs Filmen oft vor allem der ewige Fluch der modernen Technik: Telefone schrillen, Presslufthämmer lärmen, Anrufbeantworter plärren, die Stimme des Navis weiß ohnehin alles besser. In einem Briefumschlag, der Batic und Leitmayr zugestellt wird, findet sich ein USB-Stick. Darauf ist – ja was wohl? Noch mehr Stadtlärm.


Dieser „Tatort“ will ein veritabler Unort sein, in dem kein Heimatgefühl entstehen kann und in dem es sich also niemand am Sonntagabend mit Chips und Twitter gemütlich machen soll. Das ist letztlich die Botschaft aller künstlerischer Mittel – von den rasanten Zooms (Kamera: Alexander Fischerkoesen) über die Kakophonie des überfrachteten Sounddesigns bis hin zu den harten Schnitten und dem zeitinstabilen Erzählen.

Inmitten des Getöses der Exposition findet der Urmünchner Leitmayr den Weg ins gentrifizierte Westend nicht mehr und der Bagger in einer Baugrube eine erste, grauenvoll verweste Leiche. Beide Requisiten – der Raubbau an der städtischen Soziokultur und der Gewaltakt an einem jungen Architekten – werden am Ende der Ermittlungen notdürftig zusammenfinden.

Bis es dahin kommt, schauen sich die Ermittler aber nicht etwa systematisch am Tatort um, sondern drehen sich immerfort ratlos um die eigene Achse – wie auf einem Kreisverkehr, auf dem alle Abfahrten vorübergehend gesperrt sind. Als Kommissar Zufall ihnen endlich eine Ausfahrt gewährt, ist dies vielleicht die schwächste Stelle des ganzen Drehbuchs. Aber die faktische Auflösung der diversen Todesfälle ist ohnehin nicht das Ziel dieses „Tatorts“. Die kriminalistischen Ergebnisse – ein Mord, eine unterlassene Hilfeleistung, eine fahrlässige Tötung – ergießen sich am Ende so zähfließend über die Geschichte wie die Tiefbauer Teer in die aufgerissene Straße kippen. Muss eben sein.


Streng genommen ist „Aus der Tiefe der Zeit“ kein moderner, sondern ein aufs trotzigste rückwärtsgewandter „Tatort“. Es geht um alte Nachkriegsverbrechen und wegsanierte Ursprünglichkeit. Um das ewig gestrige Nationalgefühl der Kroaten und eine alternde Kunstschützin aus den Glanzzeiten des Zirkus Krone (Enie Mangold als schießwütige Greisin). Zwischen all dem tanzt Meret Becker im Vernehmungszimmer einen Sonnengruß. Alles soll halt immer in Bewegung sein. So fährt Misel Maticevic nicht einfach Auto, sondern rast über den Bürgersteig. Der kleine Ganove aus dem Automatencasino, den Batic als Informant verpflichtet, gewinnt nicht einfach, sondern lässt die Automaten Münzen spucken. Das Kettenkarussell, in das Graf und Schwamm immer neue, immer exzentrischere Figuren setzen, macht, was ein überfülltes Karussell eben so tut: Es dreht sich im Kreis, bis es unter der Last wachsender Fliehkräfte zusammenbricht. Alles schon mal da gewesen.