Frontbericht

„Auslandseinsatz“ (ARD)


Sie wollten die Sicherheit in Deutschland am Hindukusch verteidigen. Deshalb sollten die deutschen Einsatzkräfte in Afghanistan Schulen bauen und Polizisten ausbilden. Aber wenn die Bundeswehr im nächsten Jahr aus Afghanistan abzieht, sind wohl mehr Ziele dieser „Friedensmission“ verfehlt als erreicht worden. Die Frage, ob man mit militärischen Mitteln Frieden stiften kann, ist offener denn je. Viele Soldaten, die mit der Überzeugung in einen Auslandseinsatz zogen, der erst sehr spät von Verteidigungsminister zu Guttenberg zum „Krieg“ erklärt wurde, kehrten mindestens desillusioniert, oft sogar traumatisiert zurück.


Einige Fernsehfilme wie der Polizeiruf 110 „Klick gemacht“ haben die schwierige Gemengelage mittlerweile thematisiert; der ARD-Film „Willkommen zuhause“ beschäftigte sich mit posttraumatischen Störungen der Heimkehrer, der ZDF-Thriller „Kongo“ mit dem moralischen Dilemma vor Ort, freilich ohne die Handlung in Afghanistan spielen zu lassen. Die ProSieben-Komödie „Willkommen im Krieg“ nutzte die provisorischen Zeltlager als skurrile Kulisse. Der WDR-Film „Auslandseinsatz“ ist somit der erste deutsche Fernsehfilm, der den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr unverhüllt und in aller Komplexität thematisiert.


Als Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt und Produzentin Nicola Bock mit der Arbeit an „Auslandseinsatz“ begannen, wurde die Mission der Öffentlichkeit noch als „humanitärer Einsatz“ verkauft, in der es um Brunnenbau und Alphabetisierung gehen sollte. Der Film, den Regisseur Till Endemann in Marokko drehte, spielt freilich in einem verheerenden Krieg. Das bekommen die Frischlinge aus Deutschland zu spüren, kaum dass sie in ihrem Außenlager angekommen sind. Auf einer ihrer ersten Patroullie geraten der besonnene Daniel (Max Riemelt), der draufgängerische Ronnie (Hanno Koffler) und der introvertierte Emal (Omar El-Saeidi) in ein dramatisches Feuergefecht. Mehr als drei Minuten widmet die Inszenierung dieser Schlüsselszene, in dessen Folge ein junges einheimisches Mädchen das Leben verliert, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort war. Endemann, der sich ästhetisch an dem US-Kinofilm „Hurt Locker“ (dt. Tödliches Kommando“) orientierte, macht mit nervösen Kamerareißschwenks und vielen suggestiven Großaufnahmen aus dem gefährlichen Kugelhagel, auf das die Soldaten zuhause vorbereitet wurden, ein emotionales Dauerfeuer, in dem die zunehmend die Orientierung verlieren. Dabei hatte es für die Ohren der Zeitsoldaten zunächst so einfach geklungen: Zwei Regeln hatte ihnen der Hauptmann (Devid Striesow) bei ihrer Ankunft eingeschärft: Niemand trifft selbstständige Entscheidungen. Und niemand mischt sich in die internen Angelegenheiten der Afghanen ein.


Aber in den entscheidenden Momenten sind die Soldaten dann doch auf sich allein gestellt. Beim Wiederaufbau einer ausgebombten Grundschule fühlen sie sich schnell auf verlorenem Posten; bei der Vernichtung der Mohnfelder, mit denen die Taliban ihren Krieg finanzieren, machen die US-Militärs nicht nur die Schule wieder kaputt, sondern erschießen aus Versehen auch einen Hirtenjungen aus dem Dorf. Was von der Heeresleitung als Kollateralschaden zu den Akten gelegt wird, zerstört im Dorf jegliches von Daniel, Ronnie und Emal aufgebaute Vertrauen zu den ISAF-Truppen. Dem pflichtbewussten Daniel, der eine Offizierslaufbahn einschlagen will, und dem impulsive Ronnie, den auch Abenteuerlust nach Afghanistan brachte und erst Recht dem Deutsch-Afghanen Emal kommen so immer mehr Zweifel an der Mission, die so viel kostet und so wenigen etwas nützt. Schließlich sind sie davon überzeugt, ein einziges Leben aus den Händen der Taliban retten zu müssen - koste es sie, was es wolle.


Auch „Auslandseinsatz“ folgt einer Höhepunktdramaturgie, ohne die ein TV-Drama nicht kaum seine Spannung halten kann. Aber wichtiger als das dramatische Finale ist die so authentisch geschilderte Erosion zuvor: Alle Selbstgewissheiten zerbröseln im Wüstensand. Alle einfachen Befehle werden zu unerreichbaren Aufgaben. Am Ende gebiert auch dieser (Film)-Krieg auf allen Seiten nur Opfer. Aber für den Zuschauer ist „Auslandseinsatz“ ein großer Gewinn. Denn der Film erreicht souverän sein selbstgesetztes Ziel: Er erklärt militärische Zusammenhänge, markiert politische Widersprüche und zeigt die Menschen, die sich zwischen diesen Fronten bewegen müssen.