Bella Block


Es ist natürlich „nur“ ein Unruhestand! Als das ZDF vor zwei Jahren seine erfolgreichste Kommissarin in Rente geschickt, die Reihe aber nicht abgesetzt hat, war klar: Bella Block würde die Hände nicht in den Schoß legen (können). Aber wie lässt man eine pensionierte Polizistin immer wieder zufällig über eine Leiche stolpern? „Das ist die Herausforderung für die Drehbuchautoren“, gibt Stephan Wagner zurück: „Wie oft kann man das glaubhaft machen: Die Leiche in Bellas privates Umfeld legen?“ Sein Drehbuch, das der Berliner Regisseur auch selbst verfilmt hat, verwendet viel Sorgfalt darauf, dem Zuschauer die Gefühlslage von Bella vorzustellen, bevor ein Unbekannter der jungen Studentin ein Messer in den Brustkorb rammt. Der „Stich ins Herz“ tötet nicht nur das Opfer, er triff auch Bella Block. Denn die Tote ist die Nichte einer guten alten Freundin. Gerade erst hat Caro (Annika Blendl) ihrer Tante Margit (Maren Kroymann) eröffnet, dass sie ein Baby bekommt. Gemeinsam mit Bella haben sie das fröhlich gefeiert. Als sie Caro am nächsten Tag bei ihrem Job als Bedienung im Fischimbiss besuchen wollen, steht die KTU schon vor der Tür. Und während Margit schon an der bösen Ahnung innerlich zu zerbrechen droht, schaltet Bella reflexartig auf Ermittlermodus. Das ist für den Zuschauer letztlich keine große Überraschung, schließlich hat er einen Krimi eingeschaltet, und parallel auch schon Einblick in ein Familiendrama genommen: Caros Kindsvater ist nämlich verheiratet, sein Stadtrandglück ist freilich mehr als brüchig: Max (Sebastian Koch) und seine Frau Anja (Anna Schudt) mussten ihren Kinderwunsch ad acta legen. Durch einen Zufall hat Anja von der Affäre ihres Mannes Wind bekommen. Auch das war - Stephan Wagner hat es so inszeniert, Anna Schudt hat es so gespielt - ein heftiger Stich ins Herz. Aber deshalb gleich töten? 


Mit seinen aufschlussreichen Parallelmontagen hat Wagner den krimierfahrenen Zuschauer die Situation von Bella versetzt: „Die Intuition meldet sich früh, aber es bleibt die Frage des Jägers: Wie bringen wir das Wild zu Fall? Oder bleibt das Verbrechen wohlmöglich ungesühnt?“ Es ist dem Autor gelungen, diese Frage bis zum großen Finale offen zu lassen, hier liegt das neue Unterhaltungsversprechen von „Bella Block“: Anders als im Ermittlerkrimi, wo am Ende der Geschichte der Kommissar einen Erfolg verbuchen muss, ist durch die Pensionierung der Hauptfigur ein neues Erzählfenster aufgestoßen worden. Der Regisseur Wagner nutzt es, um seinen Krimistoff mit einem Familiendrama neu aufzuladen. In einem Land, in dem es mehr Fernsehleichen als reale Mordfälle gibt, ist ja ohnehin alles schon hundertfach erzählt worden! „Die Vermischung von Genres oder die Einfärbung mit anderen Erzählfarben ist die Herausforderung für das Krimiland Deutschland“, darin ist sich Wagner sicher. Und so ist sein „Stich ins Herz“ mindestens zur Hälfte ein Fernsehspiel, das auch ohne Leiche sehenswert wäre. Sebastian Koch und Anna Schudt haben viel Raum, um ihre traurige Liebesgeschichte in all ihrer Trostlosigkeit vor uns auszubreiten. Die Inszenierung leistet sich viele Anleihen an den französischen Filmstil der achtziger Jahre, Wagner bekennt sich unumwunden zu seinen Vorbildern: Wie in einem Film von Claude Sautet zeigt Stephan Wagner das kinderlose Architektenehepaar gefangen in einem emotionalen Labyrinth, aus dem es keinen Ausweg geben kann: Der abgestorbene Liebe weiterführen oder jeder für sich den Neuanfang wagen? Den Seitensprung einfach totschweigen oder die vielen kleinen Enttäuschungen endlich einmal herausschreien? Den Stich ins Herz aushalten oder selbst setzen?


Es ist nicht das erste Mal, dass Stephan Wagner sich einen Krimi quasi gekapert hat, um mit seiner Regiehandschrift eine eigene Geschichte daraus zu machen. Im Polizeiruf 110 „Klick gemacht“ (nach einem Drehbuch von Christian Jeltsch) musste nicht der Täter vor der Polizei wegrennen, sondern den Ermittlern der verlorenen Zeit hinterher jagen. Denn im Wald stand ein Bundeswehroffizier reglos auf einer Tretmine. Nur wo genau? Und warum genau?


Auch Wagners letzte „Tatort“-Inszenierung „Borowski und die Frau am Fenster“ legte mehr Wert auf das „wie & warum“ als auf das klassische „Wer wars?“  Sibylle Canonica spielt hier eine skurrile Tierärztin mit abgründigen Racheimpulsen. Anders als im Fall der Bella Block, deren Ermittlungsmethoden dem Zuschauer nach 30 Folgen bis in Kleinigkeiten hin bekannt sind, ermittelte dort Borowski mit einer neuen Kollegin (Sibil Kekilli). „Bei neuen Kommissaren kann der Zuschauer den nächsten Zug noch nicht so gut vorhersehen“, so Wagner. Ein Vorteil, den sich die Inszenierung der neuen Bella Block erst einmal wieder erarbeiten musste. „Ich bin verwundbarer geworden“, lässt Wagner Hannelore Hoger eingangs im off sagen. Wohl war! Nach dem Max Färberböck sie in ihrem ersten Rentenfall einem Psychopathen gegenüberstellte (Wotan Wilke Möhring in „Die Vorhersehung“) und das ZDF sie dann in „Das schwarze Zimmer“ auf einen gefährlichen Ausflug nach Stockholm schickte, wo Bella nur knapp dem Tod entging, ist sie nun also waidwund nach Hamburg zurückgekehrt. Wie es aussieht, wird der Unruhestand zu einer fortgesetzten Tortour. Kein Spaziergang für die Hauptdarstellerin, aber offenbar ein selbst gewähltes Schicksal, wenn man Stephan Wagner glaubt: „Hannelore Hoger ist ja als diejenige, die ja alle 30 Bellas gespielt hat, meine wichtigste Ansprechpartnerin. Ich habe mehrere Gespräche mit ihr geführt, und nicht selten hat mich ein einziger Nebensatz auf ganz neue Ideen gebracht.“