Fuge in B moll

„Bella Block Unter den Linden“  (ZDF)


Keine Neunzehn Minuten dauert der Abstieg vom gut situierten Lebensabend bis zum kargen Abendessen in der Armenküche. Auf einer Wochenendreise zu ihrer Freundin Margrit (Maren Kroymann) wird Bella auf dem Berliner Hauptbahnhof beklaut. Portemonnaie, Personalausweis, Handy: alles weg! Ohne Geld keinen Fahrschein, ohne Personalausweis kein Pardon bei den Kontrolleuren. Und ohne Handy keine Hilfe von Margrit. Überhaupt! Wo steckt die treulose Tomate eigentlich?


Weil sich weder die Freundin noch die bürgerliche Reputation so schnell wieder auftreiben lässt, muss Bella ein Nachtasyl aufsuchen. „Irgendwie war heute nicht mein Tag, alles ging schief“, erklärt sie in der Armenküche ihrer Tischnachbarin Frau Bäumer (Jutta Wachowiak). Auch die ist in Berlin gestrandet. Sie muss am nächsten Tag ihre Schwester Elsa beerdigen, die in einem Lichtenberger Altersheim einsam und allein gestorben ist. Nun ist Frau Bäumer, der wohl zuvor weniger die Zeit als das Geld für den Krankenbesuch fehlte, doch noch angereist. Damit ihre Schwester wenigstens nicht als „Stiller Abtrag“ ohne feierliches Geleit unter die Erde kommen muss. 


Es geht der Berliner Drehbuchautorin Katrin Bühlig um die vielen stillen Abgänge davor. Um den sozialen Tod, den viele Alte bereits zeitlebens sterben. Um den Lebensmut, der sie vor dem Lebensende verlassen hat. Um Altersarmut, die über das Finanzielle hinaus reicht. Es gehört zu den vielen Stärken dieser Bella-Block-Folge, das auch in kleinen Nebenhandlungen wie derjenigen in der Armenküche das zentrale Thema wie in einer Bach-Fuge immer noch einmal in einer anderen Tonart durchgespielt wird, ohne dass man darüber in Verdruss gerät. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Orchester hochkarätig besetzt ist. Jutta Wachwoiak gelingt in den wenigen Minuten ihres Auftritts, die Nebenfigur der Lore Bäumer berührend klar zu konturieren: Ihre kleinbürgerliche Würde genauso wie die abgrundtiefe Scham, der Schwester im letzten Moment nicht beigestanden zu haben. „Es ging einfach zu schnell, ich wohne jetzt in Thüringen“ sagt sie. Und man denkt unwillkürlich: Naja, Thüringen. Sooo weit ist das ja von Berlin nun auch nicht weg!


Aber der Abstand zwischen denen, die einen irgendwann irgendwie vergessen haben – die Kinder, die Schwestern, die Nachbarn – bemisst sich eben nicht allein in räumlicher Distanz. Irmchen Schwarz (Margit Bendokat), die Bella an der Essensausgabe der „Berliner Tafel“ trifft, hatte einen Mann, drei Töchter, eine Vierraumwohnung. Die Welt war in Ordnung, bis ihr Mann sich trennte. „Die haben uns Hausfrauen nach der Wende bei der Vereinigung einfach vergessen.“ Irgendwas muss man haben, im Alter: Geld, Status oder wenigstens Freunde. Da ist es wieder, das Fugenthema von Bella: Portemonnaie weg, Personalausweis weg, Handy weg. Kein Geld, kein Status, keine Freunde. 


So gibt es denn auch eine Szene, in der Margit, die vor der Oper vergeblich auf Bella gewartet hat, ihrer Freundin die Leviten liest: „Du setzt die falschen Prioritäten. Immer ist irgendwas wichtiger als dein unmittelbares Umfeld! Wenn du so weitermachst, dann wirst du irgendwann einmal ganz alleine da stehen.“ Kurz zuvor hatte Bella dem Restaurantbesitzer Carlo Lenz (Peter Simonischek) schöne Augen gemacht und ihm gleichzeitig die Beichte abgenommen. Der Gastronom, der die Berliner Tafel versorgt, hat Geld und Status und vielleicht auch Freunde. Trotzdem hat auch er alles verloren. Weil er seine Ehe nicht nur aus Angst vor Einsamkeit fortsetzen wollte, war er fort gegangen. Als vor drei Jahren dann aber seine Frau einsam starb, wurde ihm klar: „Ich war nicht da. Und das werde ich mir nie verzeihen.“


So virtuos, wie die Berliner Drehbuchautorin Bühlig das Thema Alterseinsamkeit in allen Tonarten komponiert hat, folgt auch die Regie von Martin Enlen Bühligs verschiedenen Durchführungen mit sorgsam ausgewählten Settings, berührenden Kammerspielszenen, einer Kamera, die jene blümerante Berliner Mischung aus Moral und Melancholie glaubhaft einfängt und einem Rhythmus, der zwar nie die Spannung lockert, aber das Krimigenre doch phasenweise vergessen macht. Dass am Hauptbahnhof ein Mensch vor einen Betonmischer gestoßen, und in Lichtenberg ein anderer wegen geringfügiger Mietrückstände in den Tod getrieben wurde, ist hier nicht mehr das Hauptmotiv des Krimis, sondern nur noch von gleichberechtigter Bedeutung. Denn Bella muss auf ihrer inneren Reise mehr infrage stellen als sie in Berlin aufklären kann. Dass jeder Täter für sein Tun bestraft werden muss, kann so für einen kurzen Moment zur fragwürdigen Doktrin werden. Bella Block ist in Berlin nämlich nicht nur ihre Brieftasche, sondern auch ihre Selbstgewissheit abhanden gekommen.