Vom Abrieb der Zeiten

„Berlin - Ecke Bundesplatz“ (3sat/WDR/rbb)


Der einst so federnde Schritt von Reimar Lenz hat an Gravität gewonnen. Es dauert eine Weile, bis der 82-Jährige die Weimarische Straße in Berlin überquert und die Tür des Filmbüros geöffnet hat. Aber sein Gefühl für die Sprache ist so leichtfüßig wie eh und je: „Es stellt sich heraus“, sagt der Schriftsteller, und seine kleine Kunstpause ist wohl zur Hälfte dem Rhythmus und zur Hälfte der Hinfälligkeit geschuldet: „Wir leben noch!“


Detlef Gumm, 65, und Hans-Georg Ullrich,70, begrüßen ihren Gast wie einen guten alten Freund. Als sie den Dichter kennenlernten, waren sie die Neuen im Quartier und der Bohemien Lenz eine schillernde Figur. Später wurde das Ladenbüro der beiden Dokumentarfilmer mit seinem Marmortisch und den klassischen Caféhausstühlen für viele aus der Umgebung zum Treffpunkt. „Lange war unser Faxgerät das einzige in der Gegend und also ein guter Grund, mal bei uns anzuklopfen“, sagt Hans-Georg Ullrich. Manche wollten wie Reimar Lenz nur ein Schwätzchen halten, andere von einem neuen Job, einer geplanten Reise, einem kleinen Stück Leben berichten. „So haben wir unsere Filme im Zuhörer-Modus konzipiert“, sagt Detlef Gumm, der als Tonmann des Projektes auch sonst ganz gerne seinem eloquenten Kompagnon Ullrich das Wort überlässt.


Reimar Lenz kommt fast täglich auf einen kurzen Schwatz vorbei. Er ist einer der zwei Dutzend Nachbarn, mit denen Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm seit 1986 ihre Langzeitbeobachtung „Berlin – Ecke Bundesplatz“ gedreht haben. Achtzehn  Langfilme und etliche kleine Reportagen sind so entstanden. Nun aber wollen sich Gumm und Ullrich mit vier Filmportraits, die ab heute zunächst auf 3sat zu sehen sind,  von ihren Protagonisten und Zuschauern verabschieden.


Die meisten Menschen, die mit den Dokumentaristen ihr Leben geteilt haben, sind inzwischen in Rente, die Kinder sind erwachsen. Lebensträume wurden  wahr oder sie sind ausgeträumt. So oder so seien  die meisten Lebensgeschichten nun „auserzählt“, wie Ullrich sagt, der den Begriff  hörbar in Anführungszeichen benutzt. Keinesfalls will er zynisch klingen.


An den Bundesplatz im Stadtteil Wilmersdorf waren sie seinerzeit gezogen, ohne die Gegend  genauer zu kennen. Die Lage war für Westberliner Verhältnisse zentral und die Miete für die Achtzigerjahre  günstig. Ursprünglich sollte das vom WDR initiierte Filmsoziogramm in einem Dorf bei Hannover angesiedelt sein. Erst als die Wahl auf Berlin fiel, begannen sich die Filmemacher für diesen  Kiez genauer zu interessieren. Der stellte sich für sie wegen seiner sozialen Mischung schnell als Glücksfall heraus. Bis heute ist das Viertel eher schmucklos. Zerschnitten von der Stadtautobahn, begrünt vom weitläufigen Volkspark, kulturell aufgewertet von einem kleinen Programmkino, finden hier ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ein Zuhause. Wohlhabende wie der Prominentenanwalt Ülo Salm residieren in den prächtigen Gründerzeithäusern, die sogenannten kleinen Leute wie der BVG-Abfertiger Gerhard Rehbein schauen von ihren Etagenwohnungen auf die S-Bahntrasse. Der Bundesplatz ist ein Dorf in der Stadt, verschandelt zwar von Westberliner Stadtplanern, aber immerhin deshalb auch anders als der Prenzlauer Berg oder Kreuzberg noch weitgehend unentdeckt von den Gentrifzierern. Sogar Kleingärten gibt es hier noch.


Mit den Worten: „Die Darsteller unseres Films sollen die Menschen sein, die hier wohnen – Alte, Junge, Alleinstehende, Ehepaar, Familien“, hatten Gumm und Ullrich 1985  in einer Postwurfsendung zum Mitmachen eingeladen. Aus den 120 Neugierigen, die sich zurückmeldeten, suchten sie ihre 26 Mitwirkenden aus. Überwiegend nach Sympathie, schließlich sollte aus der Begegnung eine mehrjährige Arbeitsbeziehung erwachsen.


Zweimal im Jahr zogen die  Filmemacher fortan mit der Kamera los. „Wir sind dabei auf die Termine und Wünsche der Leute eingegangen“, erinnern sie sich. Als Bäcker Gerhard Dahms eines Tages in der Tür stand, um zu erzählen, dass er übrigens mit seiner Frau nach Auschwitz fahren würde, warfen sie alle Pläne sofort über den Haufen. „Innerhalb von fünf Tagen haben wir damals den Dreh in der KZ-Gedenkstätte organisiert. Das war gar nicht so einfach“, erinnert sich Ullrich. „Und nach der Ausstrahlung waren uns dann viele böse, weil sie dachten: Jetzt wollen die Alt-68er auch noch, dass der Bäcker nach Auschwitz fährt“, setzt Detlef Gumm nach und es klingt immer noch ein klein wenig gekränkt. Dahms wurde in der Nähe von Auschwitz geboren. Als der Schornsteinfegermeister Michael Creutz seine Arbeit kündigte, sein Konto plünderte und für unbestimmte Zeit nach Los Angeles zog, um dort eine Karriere als Bodybuilder zu verfolgen, flogen sie diesem Tagtraum eher notgedrungen hinterher.


Doch  ging es in ihrem Filmprojekt nicht so sehr um unerhörte Begebenheiten, sondern um die unmerklichen Veränderungen, aus denen sich erst mit der Zeit ein Lebenslauf konturiert. Vergessene Wünsche, aufgegebene Vorhaben, verpasste Chancen lassen sich in der Rückschau besser erkennen, aber auch Durchhaltekraft oder der unbedingte Wille, das Leben trotz aller Niederlagen schön zu finden. Deshalb sind die vier Filme der letzten Staffel die reichhaltigsten, weil lebensklügsten der ganzen Reihe. „Bäckerei im Kiez“ zeigt zunächst, wie das Bäckerhandwerk ausstirbt, dann wie Bäcker Dahms den Kampf gegen den Krebs verliert. „Feine Leute“ veranschaulicht am Beispiel des wegen Betrugs verurteilten Anwalts Salm, was passiert, wenn man vom Leben zuviel auf einmal will. „Schornsteinfegerglück“ ist der filmische Widerspruch dazu, denn die Episode deckt auf, was aus Lebensträumen wird, wenn sie sich zu sehr verengen. „Vater, Mutter, Kind“ schließlich begleitet den BVG-ler Rehbein, der Uniformen nie mochte, aber seinen Beruf in Uniform immer, in die Frührente.


Die ersten Filme in den Achtzigerjahren konzentrierten sich zunächst auf die Erkundung der Gegenwart. Wovon leben  Wilmersdorfer Witwen, wenn ihr Ehemann kein General war?, fragten sich die Dokumentaristen und schauten der 89-jährigen Bertha Tomaschewski zu, wie sie sich mit der Betreuung einer Nachbarin ein Zubrot verdient. Wie zahlt der Bäcker um die Ecke einen Kredit von 120000 Mark ab, wenn eine Schrippe nur sieben Pfennige Gewinn abwirft? Was macht der Berber, wenn er nicht trinkt? Der Astrophysiker beim Thai Chi? Der linke Autonome im bürgerlichen Wilmersdorf? Sie drehten in der Kanzlei von Ülo Salm, den die Leute am Bundesplatz dafür verachteten, dass er mit seinem Rolls Royce immer in der zweite Reihe parkte. Sie folgten dem Hauskrankenpfleger Dirk Danker zu seinen Patienten und widmeten sich  der Beschneidung von Emre Yilmaz. Es gab die alleinerziehende Krankenschwester, einen besonnenen Schiedsrichter und einen oft gebuchten Grabredner.


Reimar Lenz, der Bohemien vom Bundesplatz, schrieb Essays über Religion, gab Dichtkurse für Laien und organisierte mit seinem Freund Hans Mahnwachen für den Frieden. Das passte Gumm und Ullrich gut ins Konzept, denn die Friedensbewegung war in Westdeutschland fünf Jahre nach dem Nato-Doppelbeschluss ein gesellschaftlicher Aktivposten.


„Geschichte baut sich im Alltag zusammen, das ist unsere Arbeitsthese“, hatten Gumm und Ullrich ihr Vorhaben in einem Exposé für den WDR beschrieben. Dass nur drei Jahre nach Drehbeginn die Mauer fallen würde, hatte am Bundesplatz niemand auf dem Zettel. Auch nicht die  Parteiführung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SEW), die dort ein Büro unterhielt. Die ersten Dreharbeiten bei den Sozialisten waren unsendbar langweilig. Hans-Georg Ullrich verdreht heute noch die Augen. Als dann aber  im Osten die SED kapitulierte und sich die kleine Schwester SEW quasi über Nacht mit der Selbstauflösung beschäftigen musste, avancierten die Archivbilder von damals zu besonders interessanten Dokumenten einer fatalen Selbstgewissheit.


Mehr als 1000 Stunden Rohmaterial sind im Laufe der Jahre entstanden, zunächst noch gedreht mit Ullrichs Arriflex-Kamera, die er 1968 einem Pornoproduzenten  abgekauft hatte. Später wechselte die Produktion auf preiswerteres Videomaterial. Gleichzeitig wurde die Drehzeit kürzer und kürzer. Weil die Lebensläufe nun deutlichere Konturen zeigten, gerieten die Fragestellungen zugleich existenzieller: Hört der krebskranke Herr Dahms noch mit dem Rauchen auf?  Verkraftet die Gesellschaftsreporterin Constanze Salm, dass sie nach der Verhaftung ihres Mannes nicht mehr zur Gesellschaft gehört?


Nach einem Vierteljahrhundert können einzelne Biografien oder ganze gesellschaftliche Prozesse nun am Schneidetisch gewissermaßen vorwärts und rückwärts gespult werden: Altenpfleger Dirk Danker profitierte zunächst vom  demografischen Wandel, droht jetzt aber von der Gesundheitsreform ruiniert zu werden. Kaminkehrer Creutz erfüllt sich zielstrebig wie kein zweiter alle Lebenswünsche: Er wird Bezirksschornsteinfeger, findet die Frau fürs Leben, zeugt zwei Kinder, kauft ein Haus, wird aber seine Furcht vor dem sozialen Abstieg nie los. Jasmin Storbeck, die bei Beginn der Filmarbeiten fünf Jahre alt war und sich als Jugendliche fest vornahm, nicht das Leben ihrer Mutter Marina zu wiederholen, wird trotz aller Ausbruchversuche eines Tages doch genauso als Alleinerziehende  leben wie ihre Mutter und ihre Großmutter. 


Dass selbst das Scheitern von Lebensentwürfen in der filmischen Verdichtung nie bitter wirkt, ist nicht zuletzt dem Taktgefühl von Cutterin Simonie Klier zu verdanken. Aber auch dem Komponisten Andreas Brauer, der mit seiner Filmmusik den Portraits eine oft lakonische, manchmal ironische, nie aber disharmonische Tonlage verlieh.


Gumm und Ullrich, die sich selbstironisch als APO-Opas bezeichnen, war der gleichberechtigte Umgang mit ihren Mitwirkenden sehr wichtig. „Wir sind ja beide antiautoritär geprägt“, sagt Hans-Gregor Ullrich. Er habe einen der ersten Kinderladen in West-Berlin mitgegründet, die Schlacht am Tegeler Weg geschlagen, das Springer-Hochhaus blockiert, zählt er auf. Was das für die Filmarbeit bedeutet? „Wir haben die Kamera immer auf Augenhöhe.“


Oft wird ihre westdeutsche Langzeitdokumentation mit dem DDR-Projekt „Die Kinder von Golzow“ verglichen. Aber Partnerschaft zwischen denjenigen, deren Leben gefilmt wurde und denen, die dieses Leben filmten, konnte in Golzow anfangs naturgemäß nicht entstehen. Der Dokumentarfilmer Winfried Junge war Mitte zwanzig, seine Protagonisten waren Kinder, als er kurz nach dem Mauerbau 1961 begann, die ABC-Schützen einer Schulklasse zu filmen. Junge sollte im Staatsauftrag ein Filmdokument schaffen, das die Potenziale der sozialistischen Gesellschaft verdeutlicht. Es kam anders. Nach dem Zusammenbruch der DDR 1989 erzählte das Golzow-Projekt dann vor allem von der Notwendigkeit jedes Einzelnen, sich und die eigene Identität neu zu definieren.


Am Bundesplatz war der Mauerfall dagegen lange kaum spürbar. „Wir haben wenig von der Wende gedreht“, sagt Hans-Georg Ullrich. Ülo Salm folgten sie in dessen neues Büro in Mitte, Michael Creutz teilte die Schornsteinfeger-Innung einen Bezirk in Lichtenberg zu. Mit Frau Tomaschewski machten sie einen Mauerspaziergang. Aber sonst? Die Auswirkungen des Wandels erreichte die Bewohner des Bundesplatzes nur mittelbar und erst mit einer gewissen Verzögerung: In Erwartung eines Berlin-Booms stiegen die Ladenmieten, aus billigem Wohnraum wurden  Eigentumswohnung, aus Stütze Hartz IV. Was in den Episoden der Nachwendejahre viele Kritiker irritierte, ist jetzt eine Stärke der Chronik: Sie kann von Lebenswegen erzählen, die nicht von weltpolitischen Umwälzungen planiert, sondern von persönlichen Entscheidungen geformt wurden. So blieb „Berlin – Ecke Bundesplatz“, das 23 Jahre im vereinten Berlin spielt, doch bis zum Schluss jenes westdeutsche Projekt, als das es gestartet worden war.


Nun ist also finito. Sicher, ein paar Lebenslinien ließen sich vielleicht noch über die Kinder und Kindeskinder weiterverfolgen. Aber die RTL-Generation ist an einen anderen Umgang mit dem Fernsehen gewöhnt. Die junge Jasmin Storbeck hofft auf eine Karriere bei „Germanys Next Topmodel“ und nahm die Filmemacher mit zu ihrem Casting. Maria, die Tochter von Grabredner Köpcke, trug ihren Vaterkonflikt ganz bewusst über den „Bundesplatz“-Dreh aus: Indem sie im Interview offen von Zurückweisungen spricht, die sie ihrem Vater so nie ins Gesicht sagen könnte, erzwingt sie nach der Ausstrahlung im Fernsehen die längst überfällige Aussprache im Familienkreis. So spielt man heute mit den Medien.


Im Zeitalter von Reality-Shows gibt es eine Alternative zu dem Angebot der Fernsehleute, sich über Jahre hinweg von einem Kamerateam im Alltag zusehen zu lassen: Man kann die eigene Identität für die Medien nun auch einfach neu erfinden.  Nicht allein aus Finanzierungsgründen würde ein Projekt wie dieses heute  wohl kaum noch gestartet werden. Auch die Form ist auserzählt.