Whodunwhat?

„Das Ende einer Nacht“ (ZDF)


Den Ausruf „Einspruch, Euer Ehren!“ gibt es im deutschen Recht nicht. Er ist durch amerikanischen Gerichtsfilme in den deutschen Sprachgebrauch eingeflossen, und wird heute auch gerne in mittelmäßigen deutschen Filmen gebraucht. Weil es so gut klingt und etwas auf den Punkt bringt, was auch in Deutschland die Rechtsfindung ausmacht: Das Tauziehen der beiden Parteien um die Wahrheit. Der Richter als Ansprechpartner und Schiedsrichter dazwischen. Nicht immer - ja man könnte sogar sagen: eher selten! – fällt das Urteil in der absoluten Gewissheit einer Schuld. Wenn der Angeklagte schweigt, sich die Zeugen widersprechen, das Opfer sich unglaubwürdig macht, der Tathergang unbeobachtet blieb, die Polizei bei der Beweisaufnahme ungenau war, die Staatanwaltschaft Fehler macht, die Verteidiger geschickt sind, kommen wie im „Fall Kachelmann“ erst Zweifel auf und dann Freisprüche zustande, die aus Mangel an Beweisen gefällt werden müssen. In dem neuen Film von Matti Geschonneck geht es genau darum. Und weil es ein kluger, präziser und sorgsam gemachter Film ist, kommt er ohne jede Andeutung auf das prominente Vorbild und ohne das „Einspruch, Euer Ehren“ aus.  


Für die Richterin Katharina Weiss (Barbara Auer) ist die Sachlage im „Fall Lamberg“ schon vor Prozessbeginn eindeutig, sie wartet eigentlich nur noch auf das angekündigte Geständnis des Angeklagten, das eine zügige und geräuschlose Urteilsfindung möglich machen würde. Aber der Düsseldorfer Unternehmer Werner Lamberg (Jörg Hartmann) hat inzwischen seinen Strafverteidiger gewechselt. Und die neue Berliner Anwältin Eva Hartmann (Ina Weisse) hat ein klares Ziel: Freispruch – und sei es nur aus Mangel an Beweisen. „Einen Strafverteidiger hat die Wahrheit nicht zu interessieren“, findet die kühle Strategin. Man müsse seinen Job gut machen und sich dabei an die Gesetze halten. Und wenn man seinen Job besser macht als die Gegenseite, entsteht schon von selbst ein gerechtes Urteil.


Auch die Richterin weiß, dass es so ist. Aber es behagt ihr nicht, einen Mann laufen zu lassen, der höchstwahrscheinlich seine Ehefrau krankenhausreif geprügelt und übel vergewaltigt hat. Drehbuchautor Magnus Vattrodt zeichnet seine Justitia nicht als blinde, reglose Statue, sondern im Gegenteil als eine schöne selbstbewusste, vielleicht auch ein wenig rechthaberische Frau in den besten Jahren, die sich am liebsten einmischen würde, aber weiß, dass sie gerade das ihren Job kosten würde.


Barbara Auer spielt beides wunderbar aus: Die Rechthaberei und die angezogene Handbremse. Auf der anderen Seite steht mit Ina Weisse eine ebenbürtige Schauspielerin, die wie kaum eine zweite die Kühle geben kann, ohne dabei wie ein Eisklotz zu wirken. Auch ihre Figur lebt mit einer Bremse im Kopf. Vor kurzem hat die durchsetzungsstarke Anwältin ihren Mandanten, einen Sexualstraftäter, vor einer Haftstrafe bewahrt. Wie zum Dank ist der dann postwendend losgezogen und hat eine Frau vergewaltigt. Was, wenn man erst das Tauziehen gewinnt und dann die Lust auf den Blick in den Spiegel verliert?


Den ganzen Film über möchte man wissen, was in dieser Aprilnacht in dem schönen Haus des Unternehmers Lamberg passiert ist. Jörg Hartmann gelingt es, alles denkbar zu machen: Dass er sich nicht beherrschen konnte, er „es“ also war. Und dass seine Frau sich bei ihm mit einem Schauprozess für die geplante Scheidung rächen will. Das Tauziehen, von dem der Film seine Spannung bezieht, entsteht aber nicht zwischen Opfer und Täter, also zwischen Anklage und Verteidigung. Letztlich geht es um den Richter in uns allen. Gefühlt alle zehn Minuten wechselt die Empathie, fällt der Zuschauer ein neues, wieder vermeintlich sicheres Urteil. Ist die Richterin, die privat vielleicht ein wenig zu oft ihre Gefühlslage in einem Rotweinglas zu beruhigen sucht, wirklich über alle Zweifel erhaben? Hat die Anwältin nicht Recht, wenn sie Tag und Nacht alle Energie aufbringt, ihren Mandanten aus der Untersuchungshaft zu holen? Was, wenn er dort doch unschuldig einsäße? 


Der Regisseur Matti Geschonneck und seine Kamerafrau Judith Kaufmann sind die Meister dieses Kammerspiels. Ihr Filme ist bis zur Atemlosigkeit spannend, ohne auf die üblichen Stilmittel zurückgreifen zu müssen: Keine Gewaltausbrüche, keine Verfolgungsjagden, kein Showdown, kein „Einspruch, Euer Ehren!“. Dafür Kino im Kopf und ein Zweifel, der als Hauptdarsteller alle deutschen Fernsehpreise auf einmal verdient hätte.