Der Trick mit dem Busen

„Das Vermächtnis der Wanderhure“ (Sat.1)


Am Sonntag kündigt der Unterhaltungsritter Stefan Raab in seiner Politshow eine erfolgreiche Betriebswirtin als eine „junge, attraktive Unternehmerin“ an und glaubt sich mit dieser gönnerhaften Geste in der Mitte der Gesellschaft. Am Montag erinnert sich ein männlicher Autor und Zeitzeuge im „Spiegel-Ich-Text“ an die Einführung der taz-Frauenquote unter dem griffigen Titel „Der Trick mit dem Busen“. Am Dienstag sendet der Kuschelsender Sat.1 eine wollüstige Rittersaga und braucht keine Viertelstunde, um aus der erhabenen Marie von Hohenstein wieder die vogelfreie Tataren-Hure zu machen. Soll frau sich darüber aufregen? Nein.


Denn der so unübersehbar auf Quoten schielende Sexismus ficht die Hauptfigur von „Das Vermächtnis der Wanderhure“ so wenig an wie die „CEO of the Future“ (McKinsey) Verena Delius oder diejenigen Journalistinnen und Technikerinnen, die 1980 in ihrem selbstverwalteten Zeitungsbetrieb durchsetzten, dass jeder zweite Mitarbeiter eine Mitarbeiterin sein sollte. Denn auch die schöne, attraktive Marie (Alexandra Neldel), die sich so gut auf den „Trick mit dem Busen“ versteht, ist in ihrem Kern eine moderne Frau von heute. Alle Ambivalenzen im selbstbestimmten Lebensentwurf inklusive! Marie strebt nach persönlicher Unabhängigkeit und opfert sich doch ständig für ihre Umgebung auf. Sie ist ihrer Beziehung in Treue verbunden, schläft, wo es passt, aber auch mit anderen Männern. Sie würde ihr Leben für ihre Kinder geben, setzt es aber dann doch für den Weltfrieden aufs Spiel. Marie kann von Männern zwar genommen, aber nicht benutzt werden, weil sie sich nicht benutzen lässt. Alles eine Frage der Würde. Und der Perspektive.


Mit dem ersten Teil „Die Wanderhure“ erreichte Sat.1 vor zwei Jahren überraschend mehr als zehn Millionen Zuschauer. Die weiblichen Zuschauer sahen die Heldin mit dem ungebrochenen Stolz, die männlichen Zuschauer die erotische Attraktivität der vogelfreien Marie. Die simplen Reflexe, die diesen Erfolg wohl begründeten, werden auch im Finale der Trilogie bedient: Aufgrund einer Intrige, die von der Königsmätresse Hulda von Hettenheim (Julie Engelbrecht) angezettelt wurde, muss Marie ihren erstgeborenen Sohn an Ketten gefesselt in einem Verließ gebären. Das Kind wird ihr weggenommen und dem König Sigismund (Götz Otto) als Erbprinz untergeschoben. Nur durch die Hilfe eines jungen Tatarenfürsten überlebt Marie den Kerker, als sein Eigentum wird sie von ihm gen Osten verschleppt. Dort freilich wiederholt sich das Schicksal: Die Huren erkennen das edle Potential von Marie, ernennen sie zu ihrer mystischen „Adlerfrau“, und sind für ihre so ernannte Anführerin dann sogar zum Heldentot bereit.


Natürlich fällt es schwer, sich den Tataren-Schinken „Das Vermächtnis der Wanderhure“ mit all seinem Pferdegetrappel und Rachegestöhne über die volle Länge als Emanzipationsepos schön zu reden, aber die bizarre Mischung aus erotischen Primärreizen und ausschweifend dargestellter Frauensolidarität ist immerhin ein Fortschritt zu den bis heute gefeierten „Winnetou“-Verfilmungen der sechziger Jahre, in denen das weiblichen Rolemodel Nscho-tschi heißt, die bald stirbt, und andere Frauen nur als verwehte Saloon-Schönheiten Stichworte gaben.


Alexandra Neldel spielt ihre „Adlerfrau“ ohne jedes Augenzwinkern, und es ist in diesen Momenten schwer vorstellbar, dass sie uns in wenigen Monaten als selbstironische Frau von Guttenberg in der Sat.1-Satire „Der Minister“ noch überzeugen können wird. Aber das eine hat bei Lichte betrachtet mit dem anderen so wenig zu tun wie Verena Delius mit den alternativen taz-Sufragetten. Oder doch?