Überecht

„Das unsichtbare Mädchen“ (ZDF)


Das unsichtbare Mädchen ist unübersehbar. Durch die Kneipe, in der das soziale Leben von Eisenstein stattfindet, ist auf dem Fußboden ein dicker roter Strich gezogen. Wer glaubt, dass der Sohn des Kneipiers vor elf Jahren die kleine Sina umbrachte, muss am Eingang sein Bier trinken. Alle anderen, die mit Blick auf die fehlende Leiche an die Unschuld des Verurteilten glauben, sitzen bei den Wirtleuten jenseits der Demarkationslinie. Auch Kommissar Altendorf (Elmar Wepper), der seinerzeit als Leiter der „SoKo Sina“ abgelöst wurde, hat dort seinen Stammplatz. Bis heute glaubt er, dass Sina noch lebt. Eine Zeugin hatte die Kleine noch lebend auf der Straße gesehen. Und kürzlich noch einmal! Hinter der tschechischen Grenze. In einem Supermarkt, in dem die oft minderjährigen Prostituierten aus dem „Luzi Club“ einkaufen. Aber Kripochef Michel (Ulrich Noethen) hat das der Frau Lorant nicht geglaubt. Jetzt liegt die Zeugin tot auf der Landstraße nach Tschechien. Zufall oder Vorsatz?


Wie schon im Fall „Sina“ ist Michel wieder an einer raschen und geräuschlosen Verhaftung interessiert. Festgenommen wird deshalb der Ehemann der Toten. Nach einem heftigen Verhör erhängt sich der arme, alkoholabhängige Tropf in seiner U-Haft. Pech oder ein weiteres Justizopfer, das auf Kommissar Michels Konto geht?


Unüberlesbar hatte Krimiautor Friedrich Arni schon in seiner Romanvorlage „Totsein verjährt nicht“ an den authentischen „Fall Peggy K.“ erinnert. In dem fränkischen Städtchen Lichtenberg war 2001 das kleine Mädchen spurlos verschwunden. Die Mutter hatte den Verdacht auf einen 23-jährigen behinderten Nachbarn gelenkt, der trotz eines lückenlosen Alibi für die Tat ohne Leiche verhaftet worden war. Nach zahllosen Verhören hatte er ein Geständnis erst abgelegt, dann widerrufen. Politischer Druck soll damals von der Münchner Landesregierung aufgebaut worden sein, die auf eine zügige Aufklärung gedrängt hatte.


Aber der Stoff von „Das unsichtbare Mädchen“, den Arnie mit seiner Koautorin Ina Jung nach der Buchvorlage für das Fernsehen einrichtete, will weder eine szenische Rekonstruktion noch ein politisches Thesenstück sein. Auch Regisseur Dominik Graf ist erfahrungsgemäß nie an einem zentralen Erzählstrang, sondern an einem möglichst facettenreichen Sittenbild gelegen, in dessen Panoramaperspektive die „Whodunit“-Fragen der Krimihandlung und die Skandalverdächtigungen des Politthriller nur zwei Interpretationsangebote unter vielen sind.


Dem Zuschauer wird der Zugang aus dem Blickwinkel des jungen Neuankömmling gewährt: Der Berliner Polizist Tannert (Ronald Zehrfeld) hat sich in die Provinz versetzen lassen, um einen schmuddeligen Fleck auf seiner Personalakte vergessen zu machen. Als fände er sich auf einem Jahrmarktkarussell wieder, rasen nun sofort zahllose, zum Teil noch gar nicht verständliche Eindrücke und Hinweise, Vermutungen und Verdächtigungen an ihm vorüber. Mühsam versucht sich Tanner ein klares Bild zu machen, und das fordert ihm nach einer durchzechten Nacht schon viel Kraft ab. Aber für den Zuschauer eröffnet sich bald noch ein weiteres Schlüsselloch, durch das er bis in die Bayerische Landesregierung schauen darf. Dort gibt es einige Herren in gutem Zwirn, die sich für Michels hemdsärmelige Ermittlungen und Tanners eigenmächtige Recherche im Fall Lorant etwas zu sehr interessieren. Aus Sorge um die Staatsraison oder aus Furcht um die eigene Karriere?


Nichts an dieser Inszenierung gehorcht dem bescheidenen Willen, etwas Authentisches im landläufigen Sinne abzuliefern. Dominik Graf füttert seine Figuren gerne mit allerlei alltäglichen Nebensächlichkeiten so sehr an, die sie wieder zu artifiziellen Wesen werden. Ulrich Noethen ist nie nur ein gewiefter korrupter Beamter, sondern immer auch ein lächerlich selbstgefälliger Provinzpopanz. Silke Bodenbender verliert sich nie in der verheerten Dorfschlampe, sondern lässt immer auch noch den gefallenen Engel anklingen. Ist der smarte Tim Bergmann nur der Vitamin-B-beschleunigte Karrierist aus der Staatskanzlei, oder doch auch ein Familienvater mit Gewissen? Oft weiß man bis zum Schluss nicht, wer die Guten und wer die Bösen sind. Denn die rote Linie in der Kneipe ist ja eine Behauptung. Ein simpler Strich, hinter dem überhaupt die Grenzen überhaupt erst ausgelotet werden.