Was sollte man auch sagen?

„Die Folgen der Tat“ (ARD)

Der schlichte Satz ist das Zentrum des Films, und er klingt wie eine Frage: „Ich kann doch meinen Kindern nicht misstrauen“, sagt Christa Albrecht zu ihrer Tochter Julia. Die erwidert mit einer verschachtelten Satzkonstruktion: „Man kann auch sagen, dass man jemanden ernst nimmt, wenn man nicht gleich alles glaubt.“ Hätte Christa Albrecht 1977 ihre Tochter Susanne so ernst genommen, dass sie ihr nicht gleich alles geglaubt hätte, wäre Jürgen Ponto wohl am 30. Juli 1977 nicht von der RAF in seiner Wohnung erschossen worden. So aber hatte Christa Albrecht ihrer Tochter Susanne geglaubt, dass sie sich von ihren radikalen Freunden wieder entfernt hatte, dass sie zurück wollte in die bürgerliche Gesellschaft, in die Hamburger Familie. Ohne Misstrauan hatte sie ihre Freunde Ignes und Jürgen Ponto angerufen und Susanne angekündigt. Zwei Mal war die gesuchte RAF-Terroristin im Hause der Pontos zu Gast gewesen. Beim dritten Mal hatte sie Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar dabei. Als sich Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, gegen seine Entführung zur Wehr setzte, hatten sie geschossen. Nicht Susanne, aber die anderen.

Im Nebenzimmer hatte seine Frau Ignes alles mit angesehen. Hätte Christa Albrecht die Tat verhindern müssen? Hätte sie zum Telefonhörer greifen und die Pontos vor der eigenen Tochter warnen können? Liebe Ignes, morgen wird sich meine Tochter bei euch melden, aber ich bin nicht sicher, ob sie wirklich nur mit Euch Kaffee trinken will. Seid auf der Hut vor Suanne, macht ihr am besten gar nicht erst auf. So in etwa?

„Pass auf, die geht ausspionieren“, hatte Susannes Schwester Elisabeth noch gewarnt. Und die Mutter hatte Elisabeth für diese Unterstellung „sehr beschimpft“, wie sie sich jetzt erinnert. Julia Albrecht, Journalistin und Juristin, war 13 Jahre alt, als ihre Lieblingsschwester Susanne ihren Patenonkel Jürgen entführen wollte. Lange konnte sie ihren Eltern nicht verzeihen, dass die nicht die Absicht der Schwester durchkreuzten und die geplante Tat verhinderten.  „Es war leichter zu denken, dass ihr es verbockt habt“, gibt sie knapp dreißig Jahre später im Gespräch mit der Mutter zu. 

Acht Jahre liegen zwischen diesem Mutter-Tochter-Gespräch und dem fertigen Film, der heute um 22.45 Uhr in der ARD zu sehen sein wird. Nachdem sich Christa Albrecht 2009 zum Interview bereit erklärte, zog sie ihr Einverständnis zunächst wieder zurück. Ihr Sohn Mathias war gegen das Projekt, er hatte keine Lust, wieder „der Bruder des Monsters“ zu sein. Julia Albrecht trat einen Schritt zur Seite, rückte damit aber nicht von ihrem Vorhaben ab. Sie schrieb ein gemeinsames Buch mit Corinna Ponto, Tochter des Getöteten und Patenkind von Julias Vater Hans Christian Albrecht. Anlässlich der Buchpremiere trafen Christa Albrecht und Ignes Ponto erstmals seit dem Staatsbegräbnis von Jürgen Ponto wieder aufeinander. „Die Folgen der Tat“ heißt nun der kluge und sehenswerte Interviewfilm, der weder ein Film über die RAF noch ein Versöhnungswerk wie das gemeinsame Buch „Patentöchter im Schatten der RAF“ ist. Es ist nicht einmal ein Familientragödie. „Die Folgen der Tat“ ist ein Motivfilm über das Schweigen.

Es brauchte sicher den großen zeitlichen Abstand zu den dramatischen Ereignissen von 1977, um die Perspektive der „Täterfamilie“ überhaupt einnehmen zu können. Aber natürlich zerbrechen nicht allein die Familien der Opfer, sondern auch die der Täter. Die Eltern des Amokschützen von Winnenden erhielten eine neue Identität, die Angehörigen des German Wings Piloten, der mit 150 Passagieren an Board einen erweiterten Suizid beging, ebenfalls. 1977 dachte niemand daran, wie das Leben der Albrechts weiter gehen würde. Ein großes Schweigen machte sich breit – niemand erwähnte, dass Susanne Albrecht nun in jedem Postamt als gesuchte Terroristin vom Plakat herabschaute. Kein Wort über die große Schwester, die 13 Jahre wie vom Erdboden verschwunden war und nach der Wende in der ehemaligen DDR wie über Nacht wieder auftauchte.

Das Schweigen in der Schule, im Ferienlager, in der Familie wurde für Julia Albrecht und ihre Geschwister zum Alltag. „Was sollte man auch sagen?“, fragt Bruder Mathias, der sich nun doch wie seine Mutter bereit erklärt hat, seine Sicht der Geschichte im Film zu benennen. Was sollte man auch sagen? Den Pontos, als sich Susanne ankündigte? Den Nachbarn, als Susanne Albrecht die international gesuchte Terroristin war? Der Schwester, als die in ihrem Plattenbau-Kleinfamilienglück aufgebracht worden war und vor Gericht von einer „schweren Kindheit“ sprach? Was sagen? Was fühlen? Was tun? Bis heute schweigen die Terroristen der RAF über ihre Taten. Es ist vielleicht der einzige Weg, den eigenen Lebensweg nicht zu verraten. Das beharrliche Schweigen trifft sich aber mit dem beharrlichen Verstummen der Nachkriegsgeneration, die den Holocaust mit ihren Kindern nicht „besprechen“ wollte. Was viele auf den Irrweg führte, Exempel zu statuieren und Statements zu erzwingen. Nachdem die Entführung von Jürgen Ponto „gescheitert“ war, kidnappte die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und „verhörte“ den Gefangenen über seine Vergangenheit im Dritten Reich.