Enge Verhältnisse

Die fremde Familie“ (ARD)


So wird es nicht weitergehen. Kann es nicht weitergehen. Nicht nach zwei Schlaganfällen. Nicht nach zwanzig Jahren Ehe. Und schon gar nicht nach allem, was den Helden von „Die fremde Familie“ in den nächsten neunzig Minuten Film noch alles bevor steht. Gleich in der Exposition von „Die fremde Familie“ machen Daniel Nocke (Buch) und Stefan Krohmer (Regie) klar, dass die Figuren ihres Films vor einer einschneidenden biographischen Wende stehen. Da gibt es zunächst das Offensichtliche:


Iras Vater wird nach seinem zweiten Schlaganfall nicht mehr allein leben können. Bisher war der familiäre Kontakt eher lose, denn Vater Robert hat Ira (Katja Riemann) und ihre Mutter vor Jahrzehnten verlassen, um mit einer anderen Frau eine neue, aus Iras Sicht „fremde“ Familie zu gründen. Iras jüngerer Stiefbruder Bernd ist der Fleisch gewordene Beweis für diesen Neuanfang. Ira ignoriert seine Existenz so gut es eben geht. Was schwer genug ist, denn Iras Vater bevorzugt Bernd in allem, was er zu geben hat: Bernd bekommt sein Geld, seine Aufmerksamkeit, seine Liebe. Für Ira bleiben Roberts scharfzüngiger Sarkasmus und seine stumme Verachtung für ihre kindliche Sehnsucht nach väterlicher Anerkennung.


Man würde verstehen, wenn Ira dem hilflosen alten Mann, der nicht einmal alleine aus dem Bett kommt, wütend den Rücken kehrte. Aber ist Blut nicht dicker als Wasser? Kann man sich Familie aussuchen? Und überhaupt: Wäre nicht Roberts durch aufopfernde Pflege erzwungene Dankbarkeit auch eine späte Genugtuung, für die es sich zu arbeiten lohnt?


Wenn Ira beschließt, ihren Vater „zu sich zu holen“, dann ist das von Autor Daniel Nocke im Wortsinne gemeint. Fast schon rücksichtslos gegenüber den Bedürfnissen ihres Ehemannes Marquard (Thomas Sarbacher) baut sie die Etagenwohnung behindertengerecht um, nimmt Kontakt mit einer jungen rumänischen Pflegerin auf, bereitet alles für die Ankunft des Vaters vor. Stefan Krohmer inszeniert Iras von Kränkungen und Verdrängungen emotional so  zugestellte Gefühlswelt als Ansammlung enger Innenräumen, in denen die vier Bewohner kaum Platz finden können. Folgerichtig implodiert das innerlich längst ausgehöhlte Familienleben der Wolfens schließlich im schmalen Badezimmer. Der Befreiungsschlag gelingt Marquard mit einem Wutausbruch: er wirft die Fernbedienung für Roberts elektrische Hebehilfe aus dem Fenster. Die Scheibe bricht und endlich dringt durch das Loch wieder Leben in Form von fernen Stimmen und Tönen zu Ira und Robert vor.


Dass der Zuschauer dieses wütend geschlagene Luftloch als Befreiung empfindet, liegt nicht zuletzt an der konsequenten Kameraarbeit. Benedikt Neuenfels filmt die Inszenierung als kadrierte Klaustrophobie: Ständig verstellt ein Rücken oder ein Pfeiler den freien Blick des Zuschauers, weit und hell wird der Raum nur an jenen Orten, zu denen die Figuren gelegentlich hastig fliehen: Ira und Marquard joggen im Park, Robert und seine Pflegerin büchsen noch einmal heimlich in die alte Wohnung aus; beeindruckend weitläufig ist auch das Kongresszentrum, in dem sich die Dolmetscherin Ira sich wieder gebraucht, wahrgenommen und als Frau begehrt fühlen kann.  Der Schnittstil von Cutter Boris Gromatzki komplettiert die Ästhetik der Verstellungen, indem er in den Dialogszenen häufig auf einem der Gesprächspartner bleibt und dann die jeweils andere Seite aus dem Off einspielt. Während die übliche Schuss-Gegenschuss-Auflösung dem Zuschauer immer eine Beziehung vermittelt, inszeniert dieser statische Schnitt die Beziehungslosigkeit der fremden Familie.


Es braucht schon ein präzises und intensiv (mit)spielendes Ensemble, um ein solch anspruchsvolles Regiekonzept glaubwürdig umsetzen zu können. Mit Katja Riemann hat Stefan Krohmer eine Hauptdarstellerin gefunden, die rückhaltlos bereit ist, sich belasten zu lassen. Ob in ihren Ausbrüchen oder ihren Sublimierungen: Riemann ist immer gleich präsent, ohne mit ihrer Prominenz die Rolle je zu erdrücken. Aber auch Thomas Sarbacher spielt hier so glaubwürdig wie man ihn selten sieht. Mit kleinen Gesten macht er deutlich, wie attraktiv der die junge Pflegerin aus Rumänien findet, wie besorgt er über die unrechtmäßige Schwarzarbeit ist, die ihm den fast schon sicheren Listenplatz für die nächste Landtagswahl kosten kann. Fritz Schediwy als Robert spielt den wachen Geist im geschundenen Körper mit beängstigender Glaubwürdigkeit und Stephan Luca lässt Filmpartnerin Riemann und das Publikum gleichermaßen schmerzhaft spüren, wie unbeschwert es sich lebt, wenn man sich als geliebtes Kind fühlen darf. Etwas undankbar ist vielleicht die Rolle von Katharina Nesytowa als Pflegerin Elisaveta. Als wüssten Krohmer und Nocke nichts so recht mit ihrer Gefühlswelt anzufangen, muss sie ständig altklug daher reden und attraktiv herumstehen. Gleich drei Männer aus drei Generationen zieht sie mit ihrer Jugend in ihren Bann. Am Ende wird sie dennoch aussortiert.


Sie gehört eben nicht dazu. Ist die Fremde sogar in der fremden Familie. Insofern ist ihre schlichte Konturierung auch Konzept. Wie letztlich alles bei Filmen von Krohmer und Nocke.