Das Leben ist ein Kettenkarussell

„Grenzgang“ (ARD)


Das sei doch eine „Flucht im Kreis“, muss sich Thomas sagen lassen, als er seiner Freundin den geplanten Rückzug von Berlin nach Bergenstadt eröffnet. Es ist ein „Rückzug“ im doppelten Wortsinn: Thomas geht zurück in seine alte Heimat, die er einst zugunsten der großen weiten Welt hinter sich gelassen hatte, und er zieht sich auch aus dem Berliner Wissenschaftsbetrieb zurück, der den promovierten Historiker auf halber Karrierestrecke ausspuckte wie einen nutzlosen Kirschkern. Mit spätpubertärer Geste, auf das Eingangsschild des Historischen Seminars zu pissen, verabschiedet sich Thomas (Lars Eidinger) aus seiner Jugend und kehrt als gesetzter und desillusionierter Studienrat an seinen Geburtsort zurück.  Drehbuchautorin Hannah Hollinger, die den gleichnamigen, 450 Seiten starken Roman von Stefan Thome in klug gewählten Ausschnitten für das Fernsehen einrichtete, beginnt ihre Geschichte mit dieser „Flucht im Kreis“. Sie setzt damit gleich ein zentrales und vieldeutiges Bild, das den Zuschauer durch die verschachtelte und nicht chronologisch erzählte Geschichte leiten und begleiten wird.


Denn „Grenzgang“, von Birgitte Maria Bertele mit großartigen Bildern doch vor  allem unaufdringlich in Szene gesetzt, vermittelt das Leben als Kettenkarussell: Auf den ersten Blick ist viel Bewegung im Spiel, aber eigentlich kommt doch niemand vom Fleck. Weder der distinguierte Schuldirektor (Hanns Zischler), der nicht recht nach Bergenstadt passen will und doch dort eine Institution ist. Noch die vergnügungslustige Claudia (Gesine Cukrowski), die von ihrem Mann betrogen wird und hin und her schwankt, ob sie ihre Ehe retten oder beenden soll. Nicht Jürgen (Harald Schrott), der längst eine neue Familie hat, seine alte aber nicht hinter sich lassen kann. Nicht sein Sohn Daniel (Sandro Lohmann), der sowieso als pubertierendes Scheidungskind seinen Platz noch erst finden muss. Vor allem aber steht die Welt für Kerstin (Claudia Michelsen) Kopf und still zugleich: Als sie sich als junge Frau in Jürgen verliebte, hatte man sie noch gewarnt: Heirate keinen von hier! So kam die Kölnerin mit aussichtsreichen Karrierechancen in die hessische Provinz und wurde erst Mutter, dann Hausfrau, dann älter, dann geschieden. Seit ein paar Jahren muss sie sich nun um ihre altersverwirrte Mutter kümmern, die sich das Gestern fortwährend schönredet, die das Heute gleich wieder vergisst und die vielleicht morgen nicht mehr sein wird.


Vor sieben Jahren, als Kerstins Welt noch in Ordnung schien, hatte ihr Thomas – seinerzeit aufstrebender Doktorand auf der Durchreise – Avancen gemacht, die sie mit Verweis auf ihre glückliche Ehe zurück gewiesen hatte. Nun hat sich das Karussell des Lebens eine runde weiter gedreht. Wieder ist „Grenzgang“, wieder stehen sich Thomas und Kerstin gegenüber – er nun der in der Fremde gescheiterte Studienrat auf der Suche nach einer Beziehung ohne Intimität, sie die geschiedene Ehefrau ohne Lust auf Verpflichtungen. Geht da was?

Claudia Michelsen und Lars Eidinger spielen das Motiv des Scheiterns mit sensationellen Anrührung, sie visualisieren die Einsamkeit ihrer Figuren, ohne dabei je in den Kitsch allzu großer Sehnsucht abzugleiten. Thomas und Kerstin kreisen umeinander, ohne sich berühren zu können. Ihre Anziehung hat die Qualität von gleichpoligen Magneten: Gerade die Energie der Anziehung verhindert die Annäherung. Man könnte es auch simpler ausdrücken: Die Angst (vor Verletzungen) ist größer als die Sehnsucht (nach Nähe).


„Grenzgang“ erzählt davon, wie man sich bescheiden einrichten kann in seinem eigenen Leben. Wie die Dinge, die Jahre, die Entscheidungen vorüber ziehen können als sei das alles unabänderlich und also unaufhaltsam. Alle warten auf den geeigneten Moment und verpassen ihn gerade deshalb.

Für die Regisseurin Brigitte Maria Bertele und ihren Kameramann Hannes Fromm lag die Herausforderung „Grenzgang“ vor allem in der Visualisierung der verschiedenen Zeitebenen: Wie verändert sich ein erwachsener Mensch in sieben Jahren? Gott sei Dank nimmt die Inszenierung die Zuschauer ernst: Keine plumpe Verkleidung (Kurzhaarperücke oder Backenbart) macht den Zeitsprung deutlich. Wir müssen hinsehen und hinhören, um die verflossene Zeit, die aus der Vergangenheit wieder heran geholte Erinnerung registrieren und einordnen zu können.


Das macht „Grenzgang“ zu einem anspruchsvollen Film, was ja nur gut ist. 

Das Motiv des „Grenzgangs“, das schon Stefan Thomes Roman den Namen gab, wird im Film übrigens nicht bloß zitiert, sondern mit authentischen Volksfestszenen aus dem echten „Grenzgang“-Fest von Biedenkopf, Stefan Thomes Heimatort. Dort wird tatsächlich alle sieben Jahre der historische Grenzgang als traditionelles Volksfest begangen. Hätte man diesen Film  nicht 2012 gedreht, es wäre erst wieder 2019 möglich gewesen. Gut, dass niemand auf einen besseren Moment gewartet hat.