Heimkino

„Hindenburg“ (RTL)


Es ist ja beinahe schon eine Erleichterung, dass die „Hindenburg“ nun endlich in die Luft geht! Die Idee, das spektakuläre Unglück zu verfilmen, hat nämlich selbst schon eine mehr als zehnjährige Geschichte. Immer wieder tauchte das Stichwort auf der Vorhabenliste der Produktionsfirma „teamWorx“ auf. Aber so, wie das Schicksal der historischen „Hindenburg“ in die explosive Weltpolitik der dreißiger Jahre hineinflog, kollidierte die „Hindenburg“-Verfilmung immer mal wieder mit Finanzkrisen, Werbekrisen, Medienkrisen. Wer, so hätte man sich noch vor zwei Jahren gefragt, soll eine zehn Millionen teure Kostümproduktion für diesen unberechenbaren Zuschauermarkt finanzieren?


Dieser Tage stellt sich das schon ganz anders dar: Mit seiner konsequenten Unterhaltungsprogrammierung hat sich RTL nach sechs Jahren die Marktführerschaft von der ARD zurückgeholt, der operative Gewinn der RTL-Group stieg dank der erholten Werbewirtschaft um fast 40 Prozent. Man könnte sagen: RTL hat einen guten Laufen. Denn was immer die Kölner dieser Tage ins Programmrennen schicken – vom „Dschungelcamp“ bis zu „Countdown“ - kommt mit hohen Marktanteilen nach Hause. Da klingt es dann nicht mehr so schrill in den Ohren der Aktionäre, wenn RTL-Anke Schäferkordt lässig zugibt, dass die teuerste Großproduktion der Sendergeschichte vor allem eine „gezielte Investition“ in die Markenpflege des Senders ist.


Der Event muss also nicht allein Erlöserwartungen erfüllen, sondern soll – so Fictionchefin Barbara Thielen – „eine große Aufmerksamkeit auf die eigenproduzierte Fiction“ des Sender legen. Auch deshalb lässt RTL die „Hindenburg“ schon seit Wochen in den Werbeblöcken nach allen Regeln der (VX)-Kunst explodieren. „Starkino in High-Definition!“ soll diese fette On Air-Kampagne der Zielgruppe vor der Heimkinoanlage signalisieren. Wer die durch die Studiokulissen stürzenden Stars und den perfekt animierten Feuerball der „Hindenburg“ im Film wiedersehen will, wird freilich ein wenig Geduld mitbringen müssen. Denn natürlich steht im Zweiteiler „Hindenburg“ die Explosion des Zeppelins am Ende einer gewagt langen Spannungsdramaturgie. Die Drehbuchautoren konnten sich dafür bei diversen Spekulationsszenarien bedienen, die das Unglück der „Hindenburg“ bis heute umranken: So vermuteten die Nazis eine Bombe an Bord, eingeschmuggelt vom politischen Gegner. Andere hatten die Hühnerzüchter von Long Island in Verdacht, deren Tiere jeweils Tage nach der Ankunft des Zeppelins keine Eier legten. Denn die „Hindenburg“ war 1937 schon das, was die „Hindenburg“ 2011 noch werden soll: Ein viel beachtetes und damit bis in die Hühnerställe vernehmbares Medienereignis.


Am wahrscheinlichsten ist unter Experten übrigens die Theorie, dass die Blitze eines Gewitters die „Hindenburg“ elektrisch aufgeladen hatten und den leicht entzündlichen Wasserstoff in Brand setzten. Vielleicht wurde dem Luftschiff letztlich der silbrig glänzende, metallische Anstrich zum Verhängnis. Nun ja, wer hätte sich angesichts dieser Möglichkeiten für wild um sich schießende Hühnerzüchter entschieden?

Und so reist also bei der RTL-Variante von „Hindenburg“ die Idee einer Sabotage immer mit. Nur: Wer soll aus welchem (weltpolitischen) Grund das Leben von Passagieren und Mannschaft aufs Spiel setzen? Ein Deutscher? Ein Amerikaner? Ein verfolgter Jude, ein glühender Sozialist, ein geldgieriger Spekulant?


Gefragt nach der „politischen Dosis“, die man dem RTL-Publikum mit auf die Reise geben darf, räumt Barbara Thielen ein : die Familienschicksale an Bord, eine große Liebesgeschichte und die spannende Suche nach einer Bombe sind das Zentrum der „Hindenburg“. Politik wird dort erzählt, wo es zum Verständnis der Figuren wichtig ist, weil es deren Ängste und Bedürfnisse illustriert. So hat der jüdische Variétekünstler Gilles (mit intensiver Lässigkeit gespielt von Hannes Jaenicke) vor dem Abflug zufällig von der Bombe an Bord erfahren. Nun muss der Emigrant zwischen einer gefährlichen Heimreise nach New  York und dem Zurückbleiben im antisemitischen Deutschland wählen. Auch die Kerners sind Juden auf dem Weg ins Exil, aber das weiß an Bord der „Hindenburg“ zunächst niemand. Erst als ausgerechnet der Luftwaffen-Pilot Erdmann (Wotan Wilke Möhring) der schon jetzt von Heimweh geschüttelten Frau Kerner (anrührend: Christiane Paul) Avancen macht, wird die „Hindenburg“ zur unentrinnbaren Falle. Diese zeitgeschichtlichen Miniaturen sind zumeist großartig gespielt und geben dem abgehobenen Bombendrama zuweilen die nötige dramaturgische Verankerung. Aber letztlich funktionieren sie wie die Halteseile des Zeppelins: Als Beiwerk eines großen Ganzen.


Die Herkules-Aufgabe, das Publikum durch drei Stunden Bombensuche zu schleppen, hat sich Maximilian Simonischek aufgebürdet. Er spielt mit Verve den wagemutigen Luftschiffkonstrukteur Merten Kröger, der zufällig von der Bombe an Bord erfährt und eigentlich nur sein Leben riskiert, weil er im Promenadendeck der „Hindenburg“ seine eben erst gefundene große Liebe weiß. Von der Gestapo gejagt, von seinem besten Freund Alfred (Hinnerk Schönemann) verraten und von einer blutenden Stichwunde verletzt, hetzt Merten durch die Aluminiumwände „seines“ Luftschiffes, um die Millionärstochter Jennifer van Zandt (Lauren Lee Smith) vor dem sicheren Flammentod zu retten.


Um diese „Boy gets Girl“-Story herum hat aber Regisseur Philipp  Kadelbach ausreichend viel männliches Heldentum und frauen-affines Hollywood-Glamour heruminszeniert, so dass man(n) und frau sich aus ganz unterschiedlichen Gründen (Männer schaudern im „Das Boot“-Modus, Frauen baden im „Titanic“-Feeling) aus dem schnöden Alltag hinweggetragen fühlen darf. Zum veritablen „Heimkino“-Gefühl passt übrigens auch, dass alle deutschen Schauspieler (leider schlecht) nachsynchronisiert worden sind. Gedreht wurde nämlich auf englisch. Wegen des Weltmarkts. Die „Hindenburg“ ist schließlich auch „drüben“ ein Mythos. Und bald wohl auch ein Fernsehereignis.