Kopfkino

„Hannah Mangold & Lucy Palm“ (Sat.1)


Was wäre besonders cool? Vielleicht ein Wortwechsel wie dieser: Sagt ein völlig zugedröhnter Tankstellendieb zur einer wenig gesund aussehenden Kommissarin: „Hey Mutti, das ist ein Überfall!“ Aber die Mutti mit den ungepflegten Haaren legt nur ungerührt ihre Einkäufe auf den Tresen und wendet sich freundlich dem verängstigten Tankwart zu: „Haben Sie mal eine Tüte für mich? Und ein Taxi, bitte“. Das wäre schon cool. Aber noch nicht sensationell originell. Ungerührte Ermittlerfiguren sind vor allem im US-Serien-Fernsehen bereits eine ganze Weile branchenüblich.


Aber wie wäre es hiermit: Wendet sich die Kommissarin ihrem Angreifer und seiner auf sie gerichteten Pistole zu: „Eine High Goliath? Jetzt guck dir mal an, wie ich aussehe – meine Pupillen und wie ich schwitze. Entweder ich bin auf Drogen oder auf Adrenalin. So jemanden stoppt man nicht mit einer Gaspistole. Da musst du mir schon direkt ins Gesicht schießen.“ Wenn das Anja Kling sagt, kann das schon sehr cool aussehen.


Aber für einen Drehbuchautor wie Michael Proehl, der für seinen abgründigen Tatort „Weil sie böse sind“ zuletzt mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, ist auch das noch längst nicht abgedreht genug. Und so lassen er und sein Koautor Matthias Tuchmann die Hauptfigur Hannah Mangold (Anja Kling) nach erfolgreicher Vereitelung des Tankstellen-raubes nicht etwa siegesgewiss ins Kommissariat fahren, sondern in die Psychiatrie wanken. Als Insassin, versteht sich. Das ist dann schon besonders. Vor allem besonders durchgeknallt.


Nachdem Sat.1 in der letzten Woche die Erfolgsserie der neunziger Jahre „Wolffs Revier“ reanimiert und Darsteller Jürgen Heinrich als abgewrackten tablettensüchtigen Einzelkämpfer wieder auf Quotenjagd schickte, gibt Anja Kling nun als traumatisierte Ermittlerin ihren prominenten Einstand. Ihre Hannah Mangold, so die eingangs skizzierte Vorgeschichte, wäre beinahe innerlich an dem Schuldgefühl zerbrochen, den Tod einer jungen Frau nicht verhindert zu haben. Nach einem elfmonatigen Klinikaufenthalt wird sie als austherapiert entlassen. Mit den Angstzuständen, die Hannah immer noch unvermittelt überfallen, wird die ehemals so erfolgreiche Dienststellenleiterin  künftig leben müssen.


Deshalb fängt sie in der Polizeihierarchie wieder ganz unten an: Im einfachen Dienst und ohne Waffe, aber ausgestattet mit der übersinnlichen Fähigkeit: In Ausnahmesituationen hat Hannah Halluzinationen. Sie kann dann das Böse vorherahnen. Das wiederum beeindruckt die junge aufstrebende Lucy Palm (Britta Hammelstein), die zunächst gar nicht begeistert war, mit der „Irren“ in ein Team beordert zu werden. Gemeinsam müssen die beiden ungleichen Frauen nun ihren ersten Fall lösen. Sie suchen einen Serientäter, der seine weiblichen Opfer – durchweg blonde Frauen – vergewaltigt und neuerdings anschließend tötet. Was treibt das kranke Hirn zu dieser Tat?


Regisseur Florian Schwarz, der mit Autor Michael Proehl schon oft ein kreatives Dream-Team gebildet hat, bedient sich in seiner Inszenierung aller genretypischer Mittel, die eine atemlos dichte Atmosphäre erzeugen können. Die Kamera bewegt sich subjektiv und ruhelos durch die Szenerie, der Schnitt akzentuiert die ohnehin sprunghafte Geschichte mit Auslassungen und dräuenden Ruhemomenten. Entscheidend für die Qualität dieses Films ist aber die Entscheidung für die Darsteller: Anja Kling bringt eine sehenswerte Schwerpunktverlagerung in ihr Spiel: Sie unterspielt die dramatischen Momente – die Angstzustände, die Wahnvorstellungen, die seelischen Abgründe – und betont den Versuch ihrer Figur, ins alltägliche Leben der anderen zurückzukehren. Britta Hammelstein greift diesen Ball auf und entwirft ihre Kommissarin als unnahbare Kodderschnauze, die aber ihre Einsamkeit in jedem Satz stumm mit heraus schreit.


Es wäre zu einfach, diesen sensationellen Film auf das strategische Maß eines „Frauenkrimis“ zu reduzieren, aber natürlich ist „Hannah Mangold & Lucy Palm“ auch als Antwort auf die vielen wohltemperierten Krimi-Ladies zu verstehen, die vor allem das öffentlich-rechtliche Unterhaltungsfernsehen hervor gebracht hat. Die Doppelprogrammierung mit „Wolff  - Kampf im Revier“ ist im übrigen auch ein strategischer Versuchsballon. Beide Pilotfilme haben das Potential, dauerhaft als Reihe weiter geführt zu werden. Nur ist noch nicht ausgemacht, mit welcher Tonalität das Sat.1-Publikum mehr anfangen kann: Mit dem raubeinigen Silbernacken Wolff, der nach dem Schimanski-Muster jenseits alle Dienstvorschriften die Bösen jagt? Oder mit der äußerlich ausgebrannten und innerlich unter Strom stehenden Hannah Mangold, die dem Bösen nicht hinterherjagt, sondern in den Kopf schaut?