Nie einerseits-andererseits

Hannelore Elsner zum Siebzigsten


Sie ist zierlich und doch raumgreifend. Selbstvergessen vor der Kamera und dabei stets auf der Hut. Dass sie auf der Bühne, am Set, vor dem Hörbuch-Mikro meist ungefragt ein klein wenig zu viel gibt, ist Gabe und Laster zugleich. Auch ist sie einerseits unzweifelhaft eine Frau ihrer Generation und andererseits doch einzigartig. Aber bei allen Widersprüchen ist Hannelore Elsner vor allem eines: nie einerseits-andererseits. Sondern immer nur sie selbst. Obwohl - was heißt hier eigentlich „nur“?


Heute vor siebzig Jahren wurde sie in Burghausen in Bayern geboren – mit einem T in ihrem Nachnamen, das sie am Anfang ihrer Karriere ablegte. Weil der Name so weicher klingt. Ihr großer Bruder starb, als sie drei war, bei einem Fliegerangriff. Der Vater, als sie acht war, an Tuberkulose. Sehr viel später beschrieb die Elsner in einem Interview den viel zu frühen Verlust: „Ich erinnere mich noch genau, wie ich mit meinem Erstkommunionskleid an seinem Sterbebett saß, die ganze Nacht“. Wenn sie von ihrer Kindheit bei den Großeltern, ihrer Jugend an der Handelsschule in München, ihren ersten noch unsicheren Schritten in die Filmwelt erzählt, klingt das oft so - wie ein gut geschriebenes Filmdrehbuch. Eines, in dem die trauende Tochter eben im Kommunionskleid am Sterbebett ihres Vaters sitzt.


Aber was wie eine etwas zu selbstgewisse Pose aussieht, ist wohl auch Teil eines konsequent durchgehaltene Vorhabens: Dem Publikum schenkt die Schauspielerin Elsner alles, als Privatperson will sie ein Geheimnis bleiben. Ihre erste TV-Talkshow besuchte sie erst 1993. In einem aktuellen Portraitfilm der ARD erinnert sich Gastgeber Roger Willemsen an seine Sendungsvorbereitungen: „Es gab keine Interviews ... sie war nicht bei ,Wetten, dass’ gewesen. Ich dachte, ich bringe jemanden ans Licht der Öffentlichkeit, der es verdient hat.“ Da lag Hannelore Elsners Kinodebüt schon mehr als dreißig Jahre zurück.


Die Frau, deren Spiel so intuitiv wirkt, als würde sie ihre Figuren einfach aufsaugen und wieder ausspucken, machte 1962 ihr Diplom an der Münchner Schauspielschule. Neben allem anderen ist sie eben immer auch die perfekte Handwerkerin, die nichts dem Zufall überlässt. Erste Bühnenerfahrung sammelte die Debütantin an der „Kleinen Komödie“ mit Boulevardstücken. Ihr erster Kinofilm hieß „Freddy unter fremden Sternen“ und sah aus, wie der Titel klang. Es folgten gut bezahlte Lausbubenfilme und erste Engagements im noch jungen Medium Fernsehen - zum Beispiel in Jürgen Rolands „Stahlnetz“. Ausgerechnet als sie endlich an die renommierten Münchner Kammerspielen engagiert worden war, rief ein gewisser Fassbinder vom Antitheater Frankfurt an. Mit den Worten „Das geht jetzt nicht mehr, schade“ sagte sie ihm ab. Für eine kleine Rolle in „Die endlose Nacht“ von Will Tremper („Die Halbstarken“) schmiss sie dann wenig später doch eben dieses Engagement, und siehe da: die Rolle als glamouröses Starlet Stössie katapultiere sie tatsächlich über Nacht in eine neue Liga. Sie wurde zu einem Gesicht des „Neuen Deutschen Films“, drehte mit Edgar Reitz, mit Ulla Stöckl, Alf Brustellin, seit 1973 ihr Lebensgefährte. Mit Rainer Werner Fassbinder, dem vielleicht größten Talent des Neuen Deutschen Films, kam sie bis zu dessen Tod 1982 nicht mehr zusammen.


Die Achtziger wurden ihr Fernsehjahrzehnt. Während das Kino der Nach-Autorenfilm-Ära nichts mit der „erwachsenen“ Elsner anzufangen wusste, bot ihr das „kleine“ Pantoffelkino große Rollen an. Wolfgang Staudte, Uli Edel drehten mit ihr als Hauptdarstellerin Fernsehfilme. Vor allem aber mit Dieter Wedel, dem Vater ihres Sohnes Dominik, knüpfte sie eine künstlerische Verbindung, die weit länger als ihre kurze Liaison hielt. Mitte der neunziger Jahre ließ sie sich als Polizeibeamtin Lea Sommer für das ARD-Vorabendprogramm verpflichten. Als junger Assistent Nick wurde ihr der noch unbekannte Til Schweiger zur Seite gestellt. Aufgrund der großen Beliebtheit wurde die Reihe „Die Kommissarin“ schließlich ins Abendprogramm übernommen und sogar mit zwei Spin-offs auf dem Sendeplatz des „Tatorts“ gezeigt. Hannelore Elsner war nun „in den besten Jahren“ und ein Fernsehliebling, der sich den so verhassten Tingeltangel-Talkshow-Auftritten nicht mehr konsequent entziehen konnte.


Die Kinoleinwand schien in dieser Zeit ferner denn je. Da bot ihr ein vergleichsweise unbekannter junger Regisseur an, in einem strengen S/W-Arthouse-Film die Rolle seiner eigenen Mutter, der süchtigen, suizidalen, innerlich verheerten Dichterin Gisela Elsner zu verkörpern. In Oskar Roehlers „Die Unberührbare“ zeigte Hannelore Elsner allen, wie rückhaltlos und uneitel sie sich ihrer Arbeit hingeben kann. Die Rolle brachte ihr unter anderem den Deutschen Filmpreis und den Deutschen Kritikerpreis ein. Vor allem aber wirkte „Die Unberührbare“ wie eine Reset-Taste für Elsners Karriere: die spannenden Regisseure wurden nun (wieder) auf sie aufmerksam: Das Regietalent Stefan Krohmer besetzte sie in seinem Debütfilm als Waltraud, die krebskranke Mutter von Anneke Kim Sarnau in „Das Ende der Saison“ (Adolf Grimme Preis 2002), Oliver Hirschbiegel schenkte ihr das Kammerspiel „Mein letzter Film“, dessen Monolog Bodo Kirchhoff ihr auf den Leib geschrieben hatte. In Daniel Levys Filmsatire „Alles auf Zucker!“ brillierte sie als Henry Hübchens ungepflegte Ehefrau Marlene, Doris Dörrie erinnerte sich an Elsners melancholische Seite in „Kirschblüten Hanami“.


Oft spielt Elsner nun innerlich erloschene Gestalten wie Trudi oder Waltraud: Frauen, die über die ihren unerfüllten Lebenstraum versterben müssen. Die Maskenbildner müssen dann gute Arbeit leisten, denn der Schauspielerin mit der strahlenden Aura sieht man ihr Alter bis heute nicht an. Wie unbemerkt hat sie die letzten zehn Jahre zwischen sechzig und siebzig hinter sich gebracht. Nun ist sie einerseits eine alte Frau. Und andererseits auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Obwohl? der Einerseits-Andererseits-Typ ist ja eher gar nicht!