Der Mais wächst jetzt auf LKWs

„Hunger“ (ARD)


„Hirsebrei mit Zucker – das isst man nur, wenn man muss“, sagt der Schlepper aus Mauretanien. Seit knapp zehn Jahren verdient er seinen kargen Lebensunterhalt damit, seine Landsleute unter Todesgefahr nach Europa zu verschiffen. Davor hatte er wie alle hier von der Fischerei gelebt. Immer schlechter gelebt. Das Meer nährt die Menschen nicht mehr, seit die Europäer der mauretanischen Regierung die Fischfangrechte abgekauft haben. Ganz legal abgekauft haben. Die Hochseeflotten aus Übersee machen in Europa den Fisch preiswert und in Afrika die Menschen arbeitslos. Der Mann, der zwischen Hunger und Kriminalität wählen musste, verhüllt seine Identität im Schlagschatten des Kamerascheinwerfers. Viele andere zeigen ihr Gesicht:


Stolze Menschen oftmals, denen man den beißenden Hunger nicht ansehen soll. In der Dokumentation „Hunger“ erzählen sie dem Filmregisseur Markus Vetter und der SZ-Journalistin Katrin Steinberger was ihnen Tag ein Tag aus zum Essen bleibt.

„Kein Mensch aß hier früher Mais“ erinnert sich zum Beispiel die alte Frau an jene Jahre, an denen in der kenianischen Turkana das Essen noch nicht von Lastwagen, sondern von den Feldern kam. Es gab Wasser im Überfluss. Im Durchschnitt blieb alle zehn Jahre der Regen aus, nach der Dürre spielte sich die Natur aber wieder ein. Durch den Klimawandel – Exportschlager der ersten Welt – haben sich die Dürreperioden in Kenia in den letzten 25 Jahren vervierfacht. Heute wächst in der Turkana nichts mehr – nur der Hunger nimmt Jahr für Jahr zu.


500 Kilometer südlich des Turkanasees verdursten die Rinderherden der Massais. Kilometerlange Pipelines führen das Wasser nach Nairobi auf die Rosenfarmen. 135.000 Rosen produziert das Kilimandscharo-Wasserprojekt pro Tag. Hauptabnehmer ist der weltgrößte Blumenvermarkter „Flora Holland“. Die afrikanischen Rosen für den deutschen Markt sind mit dem „Flower Label Programm“ zertifiziert. Das garantiert der verantwortungsbewussten deutschen Kundschaft soziale und umweltgerechte Produktionsstandards. Aber nur in den Fabriken Nairobis. Nicht auf den Weiden der Massais.

Günstige Rosen für Muttertag, frischer Fisch für die Tiefkühltruhe, preiswerte Baumwolle für den Wühltisch – soweit der Hunger der dritten Welt geographisch auch von uns entfernt ist, er hat seine Ursachen doch oft in unserer eigenen Lebensweise. Das macht dieser engagierte Film immer wieder spürbar, ohne seinem Anliegen die europäische Perspektive überzustülpen. Vetter und Steinberger haben sich auf diese Weltreise begeben, um die Menschen vor Ort berichten zu lassen. Ganz bewusst verzichteten sie auf die eloquente Perspektive der Welternährungsexperten aus Europa oder Nordamerika.


Die kenntnisreichen Gesprächspartner ihrer Dokumentation leben vielmehr direkt an und mit dem Geschehen, sie sind Aktivisten oder Einzelkämpfer, Strategen oder Mildtätige. Zu den prominentesten Protagonisten von „Hunger“ gehört sicher Dr. Suman Sahai. Die habilitierte Humanbiologin kämpft mit ihrer „Gene Campaign“ seit 1993 gegen die gentechnisch veränderten Pflanzensorten großer Saatgutkonzerne und für den Erhalt der einheimischen Sorten. Denn die empfindlichen Hochleistungspflanzen aus dem Labor bringen entweder große Gewinne oder große Armut. Es sind Sorten, die ohne die teuren Dünger und Pestizide gar nicht erst gedeihen und einen immensen Wasserbedarf haben. Jede Dürre macht die Reichen mit ihren Bewässerungsanlangen noch reicher und die Armen noch verzweifelter. Die steigende Suizidrate unter den indischen Baumwollbauern zeigt das Ausmaß der Verschuldungsspirale. „Die Genindustrie soll den weltweiten Hunger bekämpfen?“ fragt Dr. Sahai und zieht die Augenbraue hoch. „Wie denn – ohne Wasser?“


Der von Kathrin Steinberger schonungslos präzise recherchierte Stand der Dinge ist weit mehr als ein bebilderter Tatsachenbericht. Regisseur Marcus Vetter, der auch selbst drehte, ist mit seinem Kameramann Thomas Mauch („Abschied von gestern“; „Heimat 3“) eine Dokumentation gelungen, die dem deutschen Publikum nicht nur das Menschen gemachte Elend zeigt, sondern auch den Blick für die Komplexität und Vielgestaltigkeit der Welt öffnet. Die Menschen, die uns von ihrer Lebenssituation berichten – die zeigen, wie man in Haiti aus Schlamm Kekse backt oder in einer indischen Strohhütte das traditionelle Saatgut trocken und dunkel lagert – rücken in diesen Interviews ganz nah an den Zuschauer heran. Nicht als potentielle Wirtschaftsflüchtlinge, sondern als liebenswerte Nachbarn in unserer globalisierten Welt. Das macht den Hunger auf der Welt erst einmal noch nicht kleiner. Obwohl?