Auf, auf, Fernsehverächter!

Tatort: „Im Schmerz geboren“ (ARD/HR)


Obacht! In diesem Krimi werden in 90 Minuten 47 Menschen sterben, aber „Im Schmerz geboren“ zielt in Wahrheit direkt auf uns: das Publikum. Die Vendetta, um die Drehbuchautor Michael Proehl seinen Tatort gebaut hat, ist eine Abrechnung mit jenen, die sich lautstark schimpfend vom Fernsehen abwenden, weil sie dort Wagnis, Stilbewusstsein, Unausrechenbarkeit, Fabulierkunst, also unterm Strich: den US-Serienstyle vermissen. Nun also hat der Hessische Rundfunk diese ärgsten Feinde zum Shoot-Out auf die Hauptstraße des Teledorfs bestellt: Wenn am Montag die Einschaltquoten veröffentlich werden, werden wir alle sehen können, wer das Duell gewonnen hat. Deshalb: Auf, auf, Fernsehverächter!, die ihr euren TV-Konsum stets an den irrealen Konjunktiv bindet: Wir würden ja einschalten, wenn nicht alles so banal und öde wäre. Denn dieser „Tatort“ hat nun all dies: Wagnis, Stilbewusstsein, Fabulierkunst und einen nicht zu unterschätzenden Anspruch an sein waches gebildetes, GEZ zahlendes Publikum.


Wer seine uneingeschränkte Freude an diesem, alle Sinne fordernden Fernsehabend haben möchte, darf keinen klassischen Whodunit erwarten, sondern muss die Augen aufhalten nach historischen Filmzitaten, Theateranleihen, Stilbrüchen und allerlei dramaturgischen Verspieltheiten. So eröffnet Alexander Held den Tatort als allwissender Erzähler: „Kein Blut, nichts ist real. Alles Trug, alles Illusion. Ein Bild!“ warnt er die Unbedarften im besten Theaterdeutsch: „Schickt die Kinder rasch zu Bette. Uns bleibt nur der Trost des Jenseits.“ Wenig später werden wir den Schauspieler in seiner Rolle als windiger Garagenbesitzer mit dunkler Vergangenheit wiedersehen, der auf einen Schlag alle drei Söhne verliert, bei deren Versuch, einen Gangster zu erledigen. Es ist quasi der Western-Auftakt zu jenem Rachefeldzug, mit dem der berüchtigte Harloff, ein bolivianischer Gangsterboss mit Wiesbadener Wurzeln, sich an seinem alten Freund Murot rächen will. Der LKA-Beamte mit der hohen Aufklärungsrate soll sich in den Fängen eines genial geplanten Katz- und Mausspiel verlieren – und tut es auch.


Ulrich Matthes spielt den Gangster so irre wie planvoll, er erschafft ihn halb als Theaterfigur, halb als artifizielles Kinozitat, lange weiß man nicht, ob er seinen ihm wie einen Hund ergebenen Sohn (großartig: Golo Euler) nun bedingungslos liebt oder abgründig hasst. Umso klarer ist uns Zuschauern:  Wenn Murot nicht bald einfällt, womit er seinen alten Freund aus der Polizeischule verletzt hat, dann wird dies alles hier keinen guten Ausgang finden. Allein: Ist das nicht der einzige Trost, den das Krimigenre uns zu bieten hat - dass am Ende die Bösen gefasst und die Guten gerettet sind?


Florian Schwarz, ist nicht zum ersten Mal gemeinsam mit seinem kongenialen Autor Michael Proehl Regisseur eines Ausnahme-Tatorts. Bei „Im Schmerz geboren“ gelingt ihm wieder das gewagte Kunststück, die vielen filmhistorischen Anleihen und dramaturgischen Spielereien – zwischendurch meint man, sich eben noch bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ nun in dem Liebesfilmklassiker „Jules et Jim“ wiederzufinden  - zu einem Krimi zu bündeln, der sein Ende bis zum Schluß geheim hält. Schwarz inszeniert  wie der Pokerspieler im Westernsaloon, der die Karten mit der linken Hand schützend vor sein Pokerface hält, damit er mit seiner Rechten unter dem Spieltisch stets seinen Colt ertasten kann. So führt man dem Zuschauer wortlos, aber eindringlich vor Augen, dass man jederzeit auch andere, weniger versöhnliche Ausstiegsszenarien erwägt.


Bereits 2009 in „Weil sie Böse sind“ hatten Schwarz und Proehl das „Tatort“-Format bis an seine Genregrenzen gedehnt und das Publikum so manipuliert, dass man sich ernstlich wünschte, der Mehrfachmörder (Milan Peschel) käme davon. Und dann ließen sie sich tatsächlich hinreisßen, ihn am Ende laufen zu lassen (was im Krimi eine Todsünde ist), während sich die Ermittler (Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf) auf einer Parkbank die Sonne auf den Beamtenpelz scheinen ließen.


Genau so macht man das Fernsehen aufregend. Zu den suggestiven Besonderheiten der so oft zitierten US-Serien gehört ja auch die Bereitschaft der Macher, innerhalb des üppig eingeführten Personals praktisch jede Figur im Zweifel der Spannung zu opfern (vulgo: zu töten). Das macht es dann für uns im Fernsehsessel so ungemütlich, so atemlos.

Dieser Drahtseilakt kann freilich nur gelingen, wenn die Schauspieler versierte Äquilibristen sind. Überzeugungstäter, die sich nicht schonen, sondern alles geben, um den schmalen Grat zwischen theatraler Lächerlichkeit und brachialem Irrsinn zu finden. Dies vor allem ist hier auf großartige Weise gelungen. Sage noch einer, wir könnten das in Deutschland nicht auch. Wir können. Aber wollen wir am gemütlichen Tatort-Lagerfeuer auch?