Wie wollen wir leben?

Jahr des Drachen“ ARD


Es kommt wohl häufiger vor, als verheiratete Männer es sich vornehmen und als Ehefrauen es wissen wollen: Der Seitensprung auf Geschäftsreise zählt für viele brave Familienväter nicht als Ehebruch. Zumal wenn die Prostituierte vom Businesspartner vor Ort als Geschäftsausgabe übernommen wurde - wie zuvor das Abendessen und der Feierabend-Whiskey. Auch Thomas Eichner (Klaus J. Behrendt) ist noch viel zu müde von der Flugreise und zu verwirrt den vielen neuen Eindrücken der Megacity Saigon, als dass er lange darüber nachdenkt, warum die süße Huong (Nina Liu) ihm wohl in der Bar so eifrig schöne Augen macht.


Erst als sich am nächsten Tag der einheimische Textilfabrikant, mit dem Eichner ein Joint Venture plant, fürsorglich danach erkundigt, ob er mit Huongs Dienstleistung zufrieden war, wird sich Tom der Zusammenhänge bewusst. Ein wenig schuldbewusst, aber vor allem tief in seinen Gefühlen gekränkt, bricht er den Kontakt zu Huong ab. Ist es wirklich Verliebtheit, die ihn schließlich doch noch zu der jungen Frau zurückführt? Oder war es bei Lichte betrachet nur die Einsamkeit des Fernreisenden, der Erlebnishunger des Körpers, die Midlife-Crisis des Endvierzigers, die ihn glauben macht: Diese Hure ist keine, sondern ein zartes Wesen, das „es“ ernst mit ihm meint?


Die Regie von Torsten C. Fischer lässt die zentrale Frage, die Drehbuchautor Karl-Heinz Käfer dem Zuschauer stellt, auch ästhetisch offen. Kameramann Holly Fink zeigt Saigon als mit Fremdheit aufgeladenen Ort. Viele Straßenszenen wurden heimlich gedreht, als Zuschauer geht man mit dem Film deshalb auf eine Augenfernreise. Aber auch andere kleine Details machen Toms Situation stimmig: Vieles ist nicht aus dem Vietnamesischen übersetzt, bleibt unklar und verworren. Worein genau Klaus J. Behrendt beim Dinner beißen muss? Wen Huang in einer dunklen Gasse trifft? Was die Welt der ganz Armen und Superreichen zusammenhält? Wir erfahren es nicht. Immer mal wieder streift ein wenig Weltgeschichte die Szenerie: Der Vietnamkrieg, die Globalisierung, der Siegeszug einer amerikanischen Burger-Braterei.


Zurück in Köln, wo seine Ehefrau (Karoline Eichhorn) gegen den Krebstod kämpft und sein Sohn (Florian Bartholomäi) gegen den übermächtigen Vater revoltiert, kann Thomas Huong erst recht nicht vergessen. „Hast du schon einen AIDS-Test gemacht?“, fragt eine Freundin (Jeanette Hain) sarkastisch, und rät ihm später, „die Sache“ zu beenden: „Du bist nicht zynisch genug für so ein Doppelleben“. Da hat Thomas seine Geliebte schon in einem geheimen Appartement in Köln untergebracht. Immer noch kann er sich nicht entscheiden, sein altes Leben für diese neue Hoffnung aufzugeben. Warum bittet ihn Huong um 5.000 Euro für die Operation ihrer Mutter? Ist die Familie ernstlich in Not, oder will die Hure aus dem vietnamesichen Ghetto ihn doch nur ausnehmen wie eine deutsche Weihnachtsgans? Klaus J. Behrendt hier sehr glaubwürdig der konfliktscheue Bürger, der immer nett sein will, und gerade deshalb allerorten nur Unheil anrichtet: Einer, der lügt, um niemanden zu kränken. Der schweigt, um nicht streiten zu müssen. Der dann aber erst recht alle hintergeht und enttäuscht.


Nebenbei lässt der Fernsehfilm „Jahr des Drachens“ auch viele drängende Gesellschaftsthemen unserer Zeit anklingen wie ein asiatisches Windspiel. Es geht um die Selbstverwirklichung des Einzelnen und das Lebensglück aller, um die kleiner werdende Welt und die größer werdenden Gegensätze. Um die Frage „Wie wollen wir leben?“ und „Wie leben wir?“ Regisseur Fischer inszeniert die in den vielen Nebensträngen oft nur skizzenhafte Filmerzählung mit großer Zartheit. In den gewollten Auslassungen findet sich so Freiräume, um mögliche Erklärungen selbst zu suchen. Phasenweise überträgt sich die Desorientierung der Figuren aber auch auf den Zuschauer. Oder anders gesagt: Es ist nicht immer schön, diesem so schön fotografierten Film zu folgen. Zu schmerzhaft macht „Jahr des Drachen“ deutlich, wie leicht und unbemerkt ein Leben in Tristesse abrutschen kann, ohne dass jemand daran schuld wäre.