Mitdenknachdenkumdenkfilm

Der Fall Jakob von Metzler (ZDF)


Jakob von Metzler wäre heute 21 und Wolfgang Daschner auch emotional „im Ruhestand“. Hätte der Jurastudent Magnus Gäfgen 2002 den Frankfurter Bankierssohn nicht entführt getötet, würde wohl auch heute kaum jemand darüber nachdenken, ob es eigentlich moralisch verantwortbar, juristisch gedeckt, oder auch nur menschlich verständlich ist, wenn ein Polizist einem Menschen Gewalt androht, um das Leben eines anderen zu retten.


Die Wellen der Aufmerksamkeit, die der „Fall Jakob von Metzler“ seinerzeit schlug, wurden weltweit aufmerksam registriert: Amnesty International sammelte Unterschriften gegen Folter in Deutschland, der Europäische Gerichtshof stufte die Gewaltandrohung gegen den Entführer Gäfgen zwar nicht als Folter, aber doch als „unmenschliche Behandlung“ ein. Am 10. Oktober wird das Oberlandesgericht Frankfurt noch einmal über die Frage verhandeln, ob das Land Hessen Magnus Gäfgen mit den 3.000 Euro Schmerzensgeld angemessen dafür entschädigt hat, dass der Hauptkommissar Ennigkeit ihm im Auftrag seines Vorgesetzten, dem Polizeivizepräsidenten Wolfgang Daschner, während einer Vernehmung und ohne weitere Zeugen Gewalt androhte und damit die Menschenwürde des Mörders verletzte.


Ein Film, der all das noch einmal rekapitulieren will, muss sich fragen lassen, ob er das komplexe Geschehen auch bewerten kann und sollte. Zwei Fernsehkrimis, die sich Mitte der Nullerjahre des „Falles“ annahmen, gaben seinerzeit klare Antworten: Sie fiktionalisierten, also verfremdeten die Geschichte und erzählten dann aus der Perspektive ihrer moralisch aufrichtigen Fernsehkommissare, die ja auch sonst in diesem Genre das (Beamten)-Recht gerne mal beugen, um der Gerechtigkeit im Alleingang zum Sieg zu verhelfen. Die Folge „Kommissarin Lucas“ und der „Tatort“ waren hoch emotionale Inszenierungen, die dem Zuschauer zwar viel Platz für Mitleid, aber wenig Raum für Zweifel ließen.


All dies interessierte die Macher von „Der Fall Jakob von Metzler“ nicht. Ihnen ging es mit ihrem Film um den „echten“ Fall und damit auch um das echte, vielleicht unauflösbare Dilemma. „Wir wollten nicht polemisch sein; wir wollten zeigen, was passiert ist“, beschreibt Autor Jochen Bitzer das anvisierte Ziel. Somit stand schon vor Beginn der Bucharbeit zweierlei fest: Man würde ohne die Mitwirkung Gäfgens auskommen wollen, aber ohne das Einverständnis von Wolfgang Daschner nicht auskommen können. Gäfgen wurde lediglich über das Vorhaben informiert, die Dreharbeiten fanden dann geheim statt, um zu verhindern, dass Gäfgen den Film mit einer Klage verhindert. 


Der inzwischen pensionierte Beamte Daschner zögerte lange, sich den Fragen des Drehbuchautors zu stellen, sprach dann aber offen und ausführlich mit Bitzer. Familie von Metzler befürwortete vielleicht ein ähnliches Ansinnen, zum zehnjährigen Todestag ihres Kindes einem großen Publikum noch einmal zu vergegenwärtigen, worum es Daschner damals im Kern ging: Um das Leben ihres Kindes. Die von Metzlers gestatteten den Filmleuten, ein Originalfoto von Jakob zu verwenden und vor ihrem Privathaus zu drehen. Mutter Sylvia entschied für sich, den Film zwar zu unterstützten, ihn aber nicht anzuschauen. Zu nah, zu schmerzhaft - auch wenn weder das Drehbuch von Jochen Bitzer noch die Regie von Stephan Wagner auf melodramatische Gefühlsüberhöhungen setzen, erzielt doch für die Betroffenen gerade die akribische Rekonstruktion der Fakten die größte emotionale Wirkung. Das gilt wohl auch für Ortwin Ennigkeit, der dem „Spiegel“ im Vorfeld sagte, der Gäfgen des Films sei ihm zu menschlich dargestellt. Tatsächlich spielt ihn Johannes Allmayer eher als armes Würstchen denn als monströsen Narziss.


In einem Dokumentarspiel, das sich in allen Szenen an überprüfbare Fakten halten will, kommt den Besetzungsentscheidungen eine Schlüsselfunktion zu. Dass zum Beispiel Uwe Bohm mit seiner wuchtigen Präsenz den Ennigkeit darstellt, macht es dem Zuschauer leicht, sich vorzustellen, was die Inszenierung wohlweißlich aussparen muss. Was das entscheidende Verhör angeht, stehen die Aussagen von Gäfgen und Ennigkeit gegeneinander. Wie heftig wurde der Ermittler? Wieviel hat Gäfgen später dazuerfunden? „Ich wollte eine Besetzung, die Möglichkeiten offen lässt“, erklärte Regisseur Stephan Wagner bei der Presse-Vorführung des Films. Auch die Entscheidung für Robert Atzorn hat etwas mit dieser gewollten Unschärfe zu tun: Einerseits ist er für viele immer noch der nette „Lehrer Dr. Specht“, anderseits spielt der den Daschner mit einer so Pflichtbewusstsein erstarrten Oberfläche, dass er phasenweise nicht mehr zur Identifikationsfigur taugt. Was eben gewollt ist. Und Atzorns Arbeit erst recht adelt.


Trotz der vielen didaktischen Absichten, die auf dem Film lasten, ist der Inszenierung von Stephan Wagner auch ein Kunststück gelungen. Obwohl der Ablauf der Ereignisse sattsam bekannt ist und die reale Polizeiarbeit hier eher als behäbig und bürokratisch denn als aufregend und dynamisch gezeigt wird, ist der Film doch verblüffend spannungsgeladen. Dass alles auf die umstrittene Nothilfe hinauslaufen wird, obwohl das gesuchte Kind längst tot ist, liegt wie ein Schauder über dem Geschehen. Wie hätte man wohl selbst unter diesem Zeit- und Handlungsdruck gehandelt: Der Order von oben folgen? Sich dem Vorgesetzten widersetzen? Was wäre richtig gewesen: Aus Überzeugung die Grenzen zu überschreiten oder die Gesetze um jeden Preis zu achten?


Von Anfang an sammelt der Zuschauer Argumentationshilfen für das eigene Urteil, das sich dann im dritten Akt – der Verhandlung gegen Daschner und Ennigkeit – am realen Richterspruch messen lassen kann und muss. Das Fernsehspiel lässt bei dieser (moralischen) Urteilsfindung genug Spielraum für innere Revisionsprozesse. Gerade das macht den Film über alle Zweifel erhaben.