Kühl wie eine Bronzestatue

„Konrad Adenauer - Stunden der Entscheidung“ (ARD/arte)


Er hatte Witz, Biss und einen unüberhörbaren Dialekt. Er war ein Instinktpolitiker und ein Machtmensch. Sturkopf und Freidenker. Die meisten Eigenschaften, die Konrad Adenauer zur Legende machten, teilte er mit seinem Amtsnachfolger Helmut Schmidt. Aber während „Schmidt Schnauze“ als Kanzler wenig geliebt, dafür später umso mehr zur politischen Lichtgestalt erklärt wurde, ist es bei „dem Alten“ umgekehrt: Die Verehrung der Deutschen für den ersten Kanzler der noch jungen Demokratie wich erst einem skeptischen Blick auf den Greis, der von der Macht nicht lassen konnte, und mündete dann in einer vielleicht unfairen Verachtung für die miefige „Adenauer-Republik“. Heute wird Adenauer geopolitisch mit der Westbindung, moralisch mit seinem Altnazi-Adlatus Globke, anekdotisch mit Sprüchen wie „Was schert mich mein Geschwätz von gestern?“ und postalisch mit fünf Briefmarken verbunden. Aber sonst?


Dass der rheinische Katholik und Doktor der Juristerei sich mit seiner eigenen Stimme zum Kanzler wählte und innerparteilich mit Parteifreunden spielte wie mit seinen Bocciakugeln, gilt vielen Politikern bis heute als vorbildhaft. Es macht bisher aber noch keinen Filmhelden aus ihm.

Über Willy Brandts Spionageaffäre drehte die ARD 2003 den Zweiteiler „Schatten der Macht“, Helmut Schmidt setzten RTL mit dem Katastrophenfilm „Sturmflut“ und Heinrich Breloer mit dem RAF-Drama „Das Todesspiel“ gleich zwei Film-Denkmäler. Der Wende-Vollender und Adenauer-Enkel Helmut Kohl war für das ZDF „Der Mann aus der Pfalz“. Adenauers Leben, das im Kaiserreich begann und in der Studentenrevolution endete, gab bisher noch keinen Langfilm ab.


Die ARD und arte haben diese Lücke nun mit dem Dokudrama „Stunden der Entscheidung“ geschlossen. Seine Kinder haben in Interviews ihre Herzen geöffnet, die Adenauer-Stiftung ihre Archive. Im Fokus des Films stehen die großen Wendepunkte: Wie der Zentrumspolitiker von den Nazis aus dem Amt des Oberbürgermeisters von Köln gejagt und von den Briten 12 Jahre später ein zweites Mal abgesetzt wurde. Wie seine Frau ihn unter Druck bei der Gestapo verriet und er mit Glück dennoch der Deportation entkam. Wie er den Russen die deutschen Kriegsgefangenen abtrotzte und dem Mauerbau tatenlos zusah.


Das Bild, das Autor Werner Biermann und Regisseur Stefan Schneider von Adenauer entwerfen, ist historisch so monumental wie ein Denkmal – aber auch so kühl wie eine Bronzestatue. Ein Portrait, das dem Zuschauer mehr Bewunderung als Empathie abnötigt. Das Genre Dokudrama, das Zeitzeugenaussagen mit Nachspielszenen mischt, will ja eigentlich mehr: Einfühlung! Nähe! Dekonstruktion des historischen Nimbus. Aber wie einen Charakter verständlich machen, der sich in Distanz und Unausrechenbarkeit gefiel?


Joachim Bissmeier ist in diesem Sinne ein großartiger Adenauer, denn er biedert sich in seinem Spiel nie dem Vorbild an, scheut aber an entscheidenden Stellen auch nicht den direkten Vergleich mit dem historischen Filmmaterial vom „echten“ Adenauer“. Weit entfernt von solcher Strahlkraft machen Johannes Zirner als Rudolf Augstein und Bernhard Ulrich als Franz-Josef Strauss kurz ihre Aufwartung. Jeder dieser beiden Figuren steht für eine ganze Armada von Kritikern und Gegnern, mit denen sich „der Alte“ in seiner Kanzlerdemokratie diverse Scharmützel lieferte. Dazwischen lässt Bissmeier immer mal wieder in einer Geste oder einem Blick die großen staatspolitischen Visionen aufblitzen, die Adenauers Lebensleistung begründeten. Aber anders als in den Portraitfilmen, die Kohls Friedensglaube, Schmidts Unerbittlichkeit, Brandts Versöhnungswillen aus den Gefühlslagen ihrer Hauptfiguren glaubhaft herleiten können, bleibt aber Adenauers Antreib (s)ein Geheimnis. Carolina Vera wirkt in diesem durchweg artifiziellen Film wie das emotionale Wärmezentrum, das Ehefrau Gussie in Adenauers wahrem Leben wohl auch war. Dem späten Film über den frühen Staatsmann verhilft das aber auch nicht recht zu großer Bedeutung. Nun gibt es diesen „fehlenden“ Film also. Aber eine Lücke hat er nicht schließen können.