Ein echter Petzold

Polizeiruf 110: Kreise


Die Tote im Wald kannte hier jeder. „Wir sind ein kleiner Vorort“, erklärt dazu der Ermittlungsleiter. Die Kommissare kennen sich nicht aus. Sie verirren sich in der Landschaft und verheddern sich erst in ihrem Ehrgeiz, später dann in ihrer Zuneigung. „Ein guter Verlierer sind Sie offenbar nicht“, bemerkt die neue Kollegen Constanze Hermann (Barbara Auer) spitz, nachdem klar wird, dass sie die Straßenkarte doch richtig gelesen hat. „Ja, das ist eine Schwäche von mir“, erwidert Hans von Meuffels (Matthias Brandt) und will doch das letzte Wort behalten: „Zum Ausgleich bin ich nachtragend.“


In den Fokus der Kommissare, die sich mit dem Verbrechen bestens und ihren Gefühlen leidlich auskennen, rücken nicht die üblichen Verdächtigen: Nicht der Fabrikantensohn mit der Internatskindheit, nicht der Vertriebsleiter, für den die tote Unternehmerin auch posthum nur „der Eisschrank“ ist, und nicht die 72 Mitarbeiter, die beim geplanten Verkauf der Möbelfabrik arbeitslos würden.

Christian Petzold, renommierter Autorenfilmer, spielt seine Geschichte nicht gegen das Genre aus, sondern er spielt damit. „Sich auskennen“ ist das Generalmotiv von „Kreise“, der Autor Petzold spielt es durch wie eine Fuge: Sich kennen, sich auskennen, sich auskennen mit sich, mit den anderen, mit den Genrekonventionen.


Das macht diesen Polizeiruf mehr denn je zu einem Film für Fernsehfreunde. Dabei macht Christian Petzold sonst Kino. Das Fernsehen ist ihm aber nicht unbekannt. Es ist vielmehr ein Erinnerungsraum aus der Kindheit in Westdeutschland, als die TV-Geräte noch klobig, und die Panzerglasscheiben vor dem Bildschirm fast quadratisch waren. Wüsste man das nicht, man würde vielleicht nicht sofort darauf kommen: Petzold verfolgt tatsächlich das Ziel, den wortlastigen Kammerspielkrimi von Herbert Reinecker mit den stummen cineastischen Bilderwelten der „Berliner Schule“ in Einklang zu bringen. Es ist, wer hätte das gedacht? – auch eine gewagte Reminiszenz an die Klassik des Mediums.


Die Übung gelingt. Sehr sprachgewaltig vermittelt „Kreise“ das im Fernsehen inzwischen höchst selten gewordene Gefühl, dass immer beides wichtig ist: Das, was gesprochen wird, und was unausgesprochen bleibt. Was gezeigt wird und was hinter den Kulissen passiert. Die Bilder und die Worte. So entsteht eine Spannung, die keine dräuende Musik als Verstärkung braucht, eine Intensität, die den ganzen Film durch trägt, eine Atemlosigkeit, die kein noch so entfesselter Reißschwenkkrimi erzeugen könnte. Schnell hat Constanze Hermann „ihren“ Tatverdächtigen dingfest gemacht. Hans von Meuffels kann aber nicht verlieren, und so geht er mit der Augenzeugin hart ins Gericht und sucht das Vertrauen des mutmaßlichen Täters. Er ist ein Modellbauer, ein Stilist, ein Romantiker. Justus von Dohnany modelliert ihn aber auch als den Emporkömmling und den Gescheiterten. Aber ist er auch ein Mörder?


Von Beginn der Reihe an gestattete die BR-Redakteurin Cornelia Ackers den Regisseuren dieses Polizeirufes, dass sie den Krimi kapern und zu ihrer Sache machen. Es entstehen so letztlich keine „Polizeirufe“, sondern Dominik Graf-Filme oder Leander Haussmann-Werke. Es wurde mal „ein Steinbichler“ oder „ein Bonny“ und eben jetzt „ein Petzold“. Ohne den herausragenden Schauspieler Matthias Brandt würde diese Vergabetaktik sicher zum Risiko, aber wie leichtfüßig hingespielt gelingt es dem Schauspieler, über alle ästhetischen und dramaturgischen Varianzen hinweg die Reihe zusammenzuhalten – und das innere Geheimnis seiner Figur doch nie preiszugeben.


Das Fernsehen war lange ein Innenraum-Medium. Viele Szenen lässt Christian Petzold nun in Fluren oder in Autos spielen. Er löst die Gespräche zwischen Constanze Hermann und Hans von Meuffels ins pendelhafte Hin und Her von Schuss und Gegenschuss auf, während Barbara Auer und Matthias Brandt eine erotische Anziehung spielen, die auf Verschmelzung aus ist. Nichts ist in diesem Krimi dem Zufall überlassen, auch nicht das sensationelle Finale, das man kommen sah, aber dann doch nicht im Geringsten erahnen konnte. Nicht mal die, die sich auskennen.