Distinktionsverlust

Männertreu (ARD/HR)


Das Angebot ist verlockend. Man müsste gar nicht viel tun, um ganz oben anzukommen. Nur die eigenen Überzeugungen über Bord werfen. Georg Sahl (Matthias Brandt) ist klug genug, das zu durchschauen. „Davon halte ich gar nichts!“ antwortet er spontan, als ihn die Frankfurter Oberbürgermeisterin, eine gute Freundin mit besten Kontakten nach Berlin, fragt, ob er Bundespräsident werden will. Die Gründe für Sahls Nein liegen auf der Hand: „Du weißt, dass ich nie wie ein Klosterschüler gelebt habe“, gibt er zu bedenken. „Wir haben uns geschworen, nie mit der Politik ins Bett gehen“, erinnert ihn abends auch seine Frau (Suzanne von Borsody). Aber schon während dieses ehelichen Kamingespräches wird deutlich, dass Sahl seine Zweifel vom Mittag bereits dem Ehrgeiz hingegeben hat.


Wir können dabei zusehen, wie der souveräne wertkonservative Zeitungsherausgeber nun doch Gefallen an der Machfülle des Amtes findet, wie er sich darin sonnt, dass ihn die Kanzlerin auf dem Handy anruft, wie er beginnt, sich die Offerte schön zu reden: „Ich könnte Akzente setzen“ findet er nun, und glaubt für einen kurzen berauschenden Moment wider jede Vernunft, als Bundespräsident doch über dem ganzen „Klein-Klein“ der Politik zu schweben.


Der Fernsehfilm „Männertreu“ ist ein pointiertes Satyrspiel, das sich wie das bitterböse letzte Wort zu den Politaffären verhält, die vom Fernsehen inzwischen immer schneller aufgegriffen werden. Anders als die Komödie „Der Minister“ über die Plagiatsaffäre von zu Guttenberg nimmt es seine Figuren aber in jeder Minute ernst. Anders als das Dokudrama „Der Rücktritt“ über Christian Wulff befreit es sich von der minutiösen Rekonstruktion eines „echten“ Falls. Die Verwechselung mit lebenden oder toten Personen des öffentlichen Lebens sind freilich keineswegs unbeabsichtigt: Mit seinem Status als Herausgeber einer renommiertem Frankfurter Tageszeitung ähnelt die Filmfigur deutlich dem kürzlich verstorbenen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Die Bettaffäre, die aus dem „Herzenskandidaten“ der Kanzlerin ein von den Medien zum Abschuss freigegebenes Tier macht, erinnert an das unrühmliche Karriereende des IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. Der trotzig-naive Glaube, mit offenen Worten und geradem Rückgrat im höchsten öffentliche Amt bella figura zu machen, ist der Karriere von Horst Köhler abgeschaut. Wenn schließlich der engagierte Spin-Doctor dem von den Medien in die Enge getriebenen Sahl empfiehlt, sich in der Öffentlichkeit demonstrativ mit seiner Frau zu zeigen, kommen einem die Bilder von Bill und Hillary Clinton während der Levinsky-Affäre in den Sinn. Diese Bezüge im Drehbuch und in der Inszenierung zu dechiffrieren, macht Freude, ist aber nur das halbe Vergnügen, den dieser Ausnahmefilm zu bieten hat. Im Kern ist „Männertreu“ eine schonungslose Analyse unserer Mediendemokratie, die ständig Haltungsnoten vergibt, ohne selbst noch schlüssig begründen zu können, was warum eigentlich eine formvollendete Haltung ist.


„Es ist eine Krux“, lässt Autorin Thea Dorn einmal Margaritha Broich als Oberbürgermeisterin seufzen, „wir brauchen in der Politik jemanden, der nicht so stromlinienförmig ist, aber so einer ist dann nicht zu händeln.“ Die Erwartungen, von denen sich Georg Sahl nach der Bekanntgabe seiner Kandidatur eingeschnürt wird, sind hoch und widersprüchlich. „Ein bisschen mehr mitspielen“ solle er, findet die Politik. „Sich öffentlich zu erklären“ sei jetzt das Gebot der Stunde, meint die Talkshowleiterin Helen Martin (Claudia Michelsen). Für den Kandidaten bleibt kein Spielraum für eigene Entscheidungen mehr. Das Kant-Zitat „Ich kann, weil ich will, was ich muss“ , das er gerne als Requisite seiner Selbstinszenierung aus der Brieftasche zieht, wendet sich in der Krise nun gegen ihn. Seine Frau zitiert genüsslich das Bonmot, als Sahl Mitleid heischend jammert: „Ich kann diese Anbiederei nicht mitmachen". Das Drehbuch legt frei, dass die Gedanken-Freiheit, die alle an dem großen Denker und Lenker Georg Sahl bewundert haben, nur im Freiraum eines privaten Lebensentwurfes funktioniert. Die Souveränität seines Auftritt wird unter Druck zur hilflosen Arroganz, das virtuose Spiel von Matthias Brandt macht anschaulich: Es gibt diese freie Wahl auch für Georg Sahl nur so lange, so lange er lediglich nicht will, was er ohnehin nicht kriegen kann.


Thea Dorn hat letztlich eine desillusionierte Heldenzertrümmerung abgeliefert, die von der Regisseurin Hermine Huntgeburth in ein lustvolles und in jeder Sendeminute stilvollstes Fernsehspiel überführt wurde. Matthias Brandt, ohnehin einer der besten Schauspieler des Landes, springt in seine Schürzenjäger-Rolle so genüsslich wie in einen Whirlpool, und er dabei ist schlau genug zu billigen (und diskret kenntlich zu machen), dass seine Figur in einigen entscheidenden Momenten auch an seinen eigenen Vater, den Kanzler Willy Brandt, erinnert. Suzanne von Borsody gelingt aber das weit größere Kunststück, einerseits die ehrgeizige Eiserne Lady zu geben und jederzeit zugleich im Schmerz der Demütigung zu verfließen. Es ist letztlich gar nicht seine, sondern ihre Geschichte. Denn am Ende wird sie sich ihr (Privat)-Leben zurückerkämpft und doch alles verloren haben. Er macht derweil weiter. Weil er nicht anders kann, als zu wollen, was geht.