So sehen keine Sieger aus

„Nackt unter Wölfen“ (ARD/MDR/WDR/SWR/Degeto)

Der Roman ist ein Denkmal. Er war das meist gelesene Buch der DDR, Pflichtlektüre in den Schulen, Selbstvergewisserung des antifaschistischen Menschen. Aber nach der Wiedervereinigung hatte der Nimbus von „Nackt unter Wölfen“ so wenig Bestand wie der des Palasts der Republik: An beidem stellten Fachleute nachträglich gravierende Konstruktions-Mängel fest. So wird, wo einst die Volksammer tagte, ein neues Stadtschloss gebaut. Und dem Oscar nominierten DEFA-Spielfilm von 1963 stellt die ARD eine Neuverfilmung gegenüber. „Nackt unter Wölfen“ von Stefan Kolditz und Philipp Kadelbach will sein wie das Humboldtforum, das hinter rekonstruierten Barockfassaden zeitgemäße Gegenwarts-Architektur entstehen lässt. Sein Buch bezeichnet Stefan Kolditz als eine „Neuinterpretation, die den Kern des Romans verteidigt und gleichzeitig, 57 Jahre nach seinem ersten Erscheinen, durch eine Vielzahl von Quellen und neuesten Forschungen korrigiert und differenziert.“

Bruno Apitz hatte 1958 mit „Nackt unter Wölfen“ eine sozialistische Heldengeschichte entworfen. Sie spielte im Konzentrationslager Buchenwald, wo der Arbeiterschriftsteller selbst acht Jahre lang inhaftiert war, und stellt einen kleinen Jungen in den Mittelpunkt, der in einem Koffer ins Lager geschmuggelt wird und nur dank der konspirativen Fürsorge der Häftlinge den Holocaust überlebt. Tatsächlich lebten in Buchenwald bis zu 900 Kinder in einer eigenen Baracke. Das Jüngste war drei Jahre alt und hieß Stefan Jerzy Zweig. Das so genannte „Buchenwaldkind“ wurde in Wahrheit aber vom eigenen Vater versorgt, überlebte allerdings auch dank des Schutzes der kommunistischen Funktionshäftlinge. Was Apitz’ literarische Version von der Wirklichkeit unterscheidet: Das Kleinkind musste nicht vor der Lagerverwaltung versteckt werden, seine Rettung hatte einen (anderen) hohen moralischen Preis: Um den kleinen „Juschu“ vor der Deportation zu bewahren, setzte ein kommunistischer Schreibstubenhäftling ein anderes Kind auf die Todestransportliste. So wurde der 16-jährige Sintojunge Willy Blum nach Bergen-Belsen verschleppt, wie überhaupt das Kader kommunistischer Funktionshäftlinge in Buchenwald aufgrund ihrer großen Entscheidungsgewalt auch ein „Überlebenskollektiv“ war: Unter den 56.000 Häftlingen, die ihr Leben im KZ Buchenwald verloren, waren lediglich 72 deutsche Kommunisten. 

Bruno Apitz hatte seinen Stoff zunächst der DEFA angeboten, die aber wollte keinen Film machen, der nur im KZ spielt. Erst als der Roman zum Bestseller wurde, drehte Frank Beyer „Nackt unter Wölfen“ mit den DDR-Stars Erwin Geschonneck und Armin Müller-Stahl in den Hauptrollen. Beyers Kammerspielinszenierung konzentriert sich auf das gesprochene Wort. Es sprechen keine entkräfteten ausgemergelten Häftlinge, sondern körperlich und mental starke Kommunisten. Die Befreiung des Lagers ist allein ihrem mutigen und geduldig vorbereiteten Einsatz zu verdanken. So hatte es schon Apitz stilisiert. Wie die Buchvorlage konzentriert sich auch Beyers Film auf den Grundkonflikt, den das „Buchenwaldkind“ im Lager unter den roten Funktionären auslöst: Soll man dieses eine Kind retten und damit eine vielköpfige konspirative Befreiungsarmee in Gefahr bringen? In einem monumentalen Finale lässt Beyer beides gelingen. Für das Schlussbild, in dem die Häftlinge in die Freiheit strömen, stellte die NVA tausende Soldaten zur Verfügung. Als Komparsen traten sie an, um den von Apitz beschriebenen Menschenstrom zu verkörpern, auf dessen „befreiten Wellen“ das Kind „einer Nussschale gleich“ von den jubelnden Widerstandskämpfern in die Freiheit gespült wird.


In der Neuverfilmung rennt niemand. Philipp Kadelbach lässt die Häftlinge auf dem großen Appellplatz in kleinen Gruppen ermattet herumstehen. Einige schleichen ziellos im Kreis herum, manche sehen stumm zum Haupttor auf, wo gerade die weiße Fahne gehisst wird. Viele schauen nur erschöpft ins Nichts. Lediglich im Hintergrund zeigt die Kamera von Kolja Brandt die bewaffnete Widerstandskämpfern des „Illegalen Internationalen Lagerkomitees“, die ihre Bewacher in Gewahrsam genommen haben. Tatsächlich übergaben die Häftlinge von Buchenwald den anrückenden Amerikanern am 11. April 1945 insgesamt 125 SS-Männer.

Das Konzentrationslager hat Szenenbildner Matthias Müsse in Tschechien möglichst authentisch nachgebaut. Der weitläufige Appellhof wurde für die Dreharbeiten mit Tonnen von grauem Kies ausgestattet. In der Schlusssequenz stolpert Kapo Höfel (Peter Schneider) barfuss über diese spitzen Steine. Der Rücken vom Schmerz gekrümmt, das Gesicht von der Folter der SS geschunden, ein Auge zugeschwollen, sieht man doch, dass er bitterlich weint.

So sehen keine Sieger aus. Auf dem Platz liegt auch der sterbende Hans Pippig (Florian Stetter), in der Fassung von Stefan Kolditz hatte er sich allein für das Kind geopfert und die Gewehrsalven der Wachen auf sich gezogen. In Beyers Film stellte sich im Moment größter Gefahr ein ganzes Häftlingskollektiv schützend vor den Knaben.

Auch das neue ist ein höchst aufwühlendes Finale, aber es entsteht kein erhabenes Gefühl mehr. Philipp Kadelbach und Stefan Kolditz („Dresden“) haben „Nackt unter Wölfen“ im rauen Stil von „Unsere Mütter, unsere Väter“ inszeniert. Wie dort geht es hier mehr um Tränen und Verzweiflung als allein um Mut und Entschlossenheit. Die Nähe zu den handelnden Personen soll den Zuschauer auch siebzig Jahre nach den historischen Ereignissen noch zu einem (emotional) Beteiligten machen.

So beginnt Kolditz 1943 mit der Ankunft des Zimmermanns Hans Pippig, dessen Politisierung als persönliche Verpflichtung gegenüber dem Vater erzählt wird. Im Lager findet er als „Politischer“ gleich einen Platz in der mehr oder weniger sicheren Effektenkammer. Florian Stetter spielt Pippig als weichen, leisen, gefühlbetonten Mensch, der allein und zielsicher seinem inneren Kompass folgt und in dem polnischen Jungen sein eigenes Kind erkennt. „Wenn wir den Jungen opfern, opfern wir alles“, entgegnet er den kommunistischen Kadern, die das Kind auf den Todesmarsch schicken wollen, um sich, ihre Aufstandspläne und die große sozialistische Sache nicht zu gefährden.  

Es sind oft diese Nuancen, mit denen Kolditz und Kadelbach sich dramaturgisch und inszenatorisch von Frank Beyer unterscheiden. Aber die Literaturverfilmung kann nicht ganz so frei aufspielen wie „Unsere Mütter, unsere Väter“. Zu viele tröstliche Lebenserinnerungen sind im Osten mit dem Roman verbunden, während im Westen statt Bruno Apitz Jurek Beckers Ghettoroman „Jakob der Lügner“ Pflichtlektüre war. Hätte man womöglich – wie in UMUV – besser gleich eine neue Geschichte erfunden, um die wahre Geschichte von Buchenwald zu erzählen? Kaum vorstellbar, dass sich neben dem Apitz-Denkmal genügend Platz dafür gefunden hätte. Insofern ist das Vorhaben einer Neuverfilmung ambitioniert und vielleicht alternativlos.

Wer sich freilich heute noch einmal die Adaption von Frank Beyer ansieht, wird auch der besonderen Kraft des Kammerspiels gewahr. Wie in Egon Monks (West)-Fernsehspiel von 1965 „Ein Tag – Bericht aus einem deutschen Konzentrationslager“ umgeht auch Beyer eine inszenatorische Schwierigkeit, dass die grausame und zigtausendfache Verelendung in den Konzentrationslagern nie angemessen nachgestellt werden kann, indem Beyer auf Außenaufnahmen weitgehend verzichtet. Das Leid der Haft wird als Mauerschau erzählt. Es gibt in Beyers „Nackt unter Wölfen“ eine Szene, in der ein Häftling im Gestapogefängnis auf sein Verhör wartet. Im völlig panischen Flüsterton erinnert sich der alte Mann an die vielen zurückliegenden Haftjahre in Buchenwald. Und wie er dem Zuschauer davon berichtet, entsteht das, was man gemeinhin „Kino im Kopf“ nennt. 

Von der Neuverfilmung des Romans, deren dramaturgische Eingriffe ausnahmslos nachvollziehbar und also gelungen sind, eine kargere Inszenierung einzufordern, mag naiv sein. Das gegenwärtige fiktionale Fernsehen inszeniert allerorten in Kinoqualität und meint heute mehr denn je ohne das „Kino im Kopf“ auszukommen. Auch das neue „Nackt unter Wölfen“ ist ein Film, der dem Geist seiner Zeit formvollendet folgt, und sich deshalb künstlerisch aber auch nicht aus dem Korsett der gängigen Individualisierung und Emotionalisierung historischer Sujets befreiten kann.