Schnitt ins Herz

Aus Jugendschutzgründen muss die ARD ihren Fernsehfilm „Operation Zucker“ zensieren, der Kinder besser schützen will


„Wir sind ans Ende unserer Kunst angekommen“, hatte Nadja Uhl noch in der vergangenen Woche bei einer Pressekonferenz gesagt, in der die Kinderhilfsorganisation UNICEF und das BUndeskriminalamt der Öffentlichkeit die wahren Ausmaße des internationalen Kinderhandels vor Augen führen wollte. Uhls Satz war da noch proaktiv gemeint im Sinne einer Arbeitsteilung: Als Hauptdarstellerin des ARD-Themenfilms „Operation Zucker“ zeigt sie als Künstlerin Gesicht, nun müsse es darum gehen, die schlimmen Fakten, auf denen ihr Film basiert, der öffentlichen Wahrnehmung zur Seite zu stellen: Der Handel mit Kindern, ihre Verschleppung und sexuelle Ausbeutung ist ein weltweites organisiertes Verbrechen, das oft in ärmsten Ländern wie Rumänien oder Bulgarien beginnt, aber nur mit seinen exorbitanten Gewinnen existieren kann, weil es hier – in den reichen Ländern – eine wachsende Nachfrage nach minderjährigen Prostituierte gibt.


„Operation Zucker“ erzählt von all dem: Von der erst zehnjährigen Fee, die von ihren Großeltern nach Deutschland in ein vermeintlich besseres Leben geschickt wird. Von den Auktionsbörsen, in denen verschleppte Kinder wie eine Ware angeboten werden, von den Passfälschern, den Schleusern, den Geldwäschern, also dem ganzen „arbeitsteiligen Vorgehen“ (BKA-Präsident Ziercke), das der so genannten “Zuführung“ der Kinder an die Freier vorausgeht. Das Drehbuch von Philip Koch, das maßgeblich auf „echten“ gerichtsbekannten Fällen aufbaut, visualisiert aber auch die Hilflosigkeit der Strafverfolgungsbehörden. Gleich zu Beginn von „Operation Zucker“ wird der Zuschauer damit konfrontiert, dass den kleinen Zeugen, ohne die kaum je eine Verurteilung der Täter zu erwirken ist, oft nach ihrer Aussage kein Bleiberecht in der BRD gewährt wird. Als Illegale sind sie von Abschiebung in jenes Herkunftsland bedroht, in dem sie von ihren Angehörigen verraten und verkauft wurden.


Der von Rainer Kaufmann eindringlich erzählte Fernsehfilm zeigt den Rechtstaat so hilflos wie er ist. Und geht – die Fiktion verpflichtet zu einer gewissen Überhöhung – noch einen Schritt weiter. Weder die gerechtigkeitshungrige Ermittlerin (Nadja Uhl) noch die aufrechte Staatsanwältin (Senta Berger) kommen gegen jene an, die ihre Arbeit an höchster Stelle behindern, weil Männer aus den Machtzentren als gut betuchte „Kunden in Nadelstreifen“ selbst zu den Tätern gehören.

Weil der Film ein zu „hoffnungsloses Ende“ findet, hat ihn die Freiwillige Selbstkontrolle Kino“ (FSK) nicht für Zuschauer unter 16 Jahren freigegeben. Die Prüfung der Kinobehörde war für eine DVD-Ausgabe beantragt worden. Der BR-interne Jugendschutz hätte auch anders entscheiden können, zum Beispiel, das der Ausstrahlung eine Diskussion (wie im Fall von „Homevideo“) bei „Anne Will“ folgen müssen, die das düstere Ende emotional auffängt.


Nun aber muss sich der Sender auch an die Indizierung der FSK halten. Kurzfristig bestanden zwei Optionen: Verlegung ins Nachtprogramm, wie es 2006 dem ARD-Film „Wut“ (über Jugendgewalt) ergangen war. Oder der fertige Film, der wie üblich der Presse bereits vorgeführt worden war, mündet über Nacht in einen neues, weniger hoffnungsloses Finale. „Das Ende ist Teil des künstlerischen Werks“, betonte die Produzentin Gabriela Sperl. Die Realität sei eben nicht wie im 'Tatort', „wo die Bösen am Ende eingesperrt werden.“ Dennoch reagierte Sperl („In aller Stille“) pragmatisch: Um ihrem Film die prominente Bühne der Primetime-Ausstrahlung zu ermöglichen, wurde „Operation Zucker“ um jene entscheidende Szene gekürzt, in der die Ermittlerin Wegemann (Nadja Uhl) und ihre kleine Kronzeugin Fee von den Kinderhändlern überwältigt und entführt werden.


Der Zuschauer wird nun nicht mehr mit ansehen (müssen? können?), wie das kleine Mädchen in ein schwarze Limousine verbracht wird, in der ihre „Besitzer“ bereits auf die Retoure ihrer abtrünnigen „Ware“ warten. Auch dass Wegemanns Entführer ausgerechnet jener Ronnie ist, der sich eingangs des Films als Aussteiger mit Insider-Informationen an die Strafverfolgungsbehörden gewandt hatte, weil er das Drecksgeschäft nicht mehr mitzumachen bereit war, fehlt in dieser Primetime-Fassung. Es sind keine Kleinigkeiten, die hier weggefallen sind, denn auch die Story von Ronnie fußt auf einer wahren Begebenheit. Die Staatsanwaltschaft des echten Ronnie soll dem Überläufer sogar geraten haben, unterzutauchen, weil sie nicht für dessen Sicherheit garantieren könne. Neue Identitäten und Zeugenschutzprogramme gibt es im wahren Leben offenbar auch nicht so leicht wie im „Tatort“.


Die FSK-taugliche Fassung ist ein schmerzhafter Schnitt ins Herz des Films. Um 22 Uhr wird die ARD den Film in seiner Urfassung ausstrahlen. Das Originalende wird gleich nach „Anne Will“ (die das Thema nicht aufgreifen wird) um 00.20 Uhr noch einmal zu sehen sein, was ein schwacher Trost für jene ist, die den hoffnungslosen Schluss angesichts der geringen Aufklärungsquoten für diese Straftaten nur ehrlich fanden.


Wer jetzt ,Zensur!’ ruft, macht sich freilich nur das halbe Bild. Denn tatsächlich muss der Jugendschutz selbstverständlich über ein frei ausgestrahltes Programm wachen, an dem in einer anderen Kalenderwoche harmloses Komödien auch Kinder zum Familienfernsehen einladen. Der Unterschied zum Tatort-Zweiteiler „Wegwerfmädchen“ ist simpel, aber wirkmächtig. Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) hat den Fall souverän aufgeklärt, das Genreformat „Tatort“ hat auch von Anfang an an diesem hoffungsvollen Ende keinen Zweifel aufkommen lassen.


Tatsächlich ist die Identifikation für eine zehnjährige Zuschauerin, die „aus Versehen“ mit Oma und Opa auf dem Sofa sitzend in „Operation Zucker“ zappt, dagegen ausweglos beängstigend: Das Mädchen im Film wird von ihren eigenen Großeltern verkauft, es wird von Deutschen Amtsträgern missbraucht, und es kann selbst in der Obhut der deutschen Polizei nicht ausreichend beschützt werden. Das ist eine wirklich krasse Angstphantasie. Aber eben leider nicht nur. Am „Ende der Kunst“, von dem Nadja Uhl sprach, fängt eine Realität an, die sich nicht so einfach ausblenden lässt.