Keine Show ohne Lüge


Schon mal im Zirkus in der ersten Reihe gesessen und gedacht: Wie macht das der Zauberer mit der Jungfrau eigentlich? Wer zum Gaukler geht, um den Zauber des Magiers zu entlarven, ist ein Spielverderber. Ob die verschobenen Spiele im Fußball oder der Buntstiftlutscher bei „Wetten, dass..?“ – es sind in der Regel nicht die Zinker und Falschspieler, die das Spiel entzaubern. Sondern die, die empört „Seht ihr das denn nicht?!“ rufen. Denn es gehört zum Wesen der Unterhaltung, dass die Realität um der Show willen zugespitzt wird. Was wäre Jahrmarkt ohne Gruselkabinett? Der Propagandist vor dem Kaufhaus ohne Talmi? Die Rankingshow ohne prächtige Bilder?


Andererseits: Nachrichten ohne Nachrichtenwert, Wahlen, deren Ausgang vorher feststeht, Politiker, die vor dem Parlament die Unwahrheit sagen – all dies sind beileibe keine Lappalien. So gehört es von jeher zu den Aufgaben der sogenannten Vierten Gewalt, Wahlfälschungen und Falschaussagen zu entlarven. Im besten Fall müssen die überführten Lügner ihr Amt niederlegen. Manche sieht man nie wieder wie den Minister zu Guttenberg, andere werden per Gerichtsbeschluss rehabilitiert wie Christian Wulff – einer ist heute sogar Innenminister.


Nun hat sich also herausgestellt, dass in den Rankingshows der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. In der ZDF-Show „Deutschlands Beste“ wurden Wahlergebnisse durch andere Platzierungen ersetzt, damit die eingeladenen Studiogäste auf einen für den Showablauf günstigeren Rangplatz kamen. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier hatte beim ZDF nachgefragt, wie sich eigentlich die Ergebnisse der Online-Votings, der Hörzu-Leser-Abstimmungen und der Forsa-Umfragen zueinander verhielten. Das ZDF musste daraufhin die Manipulationen zugeben.


Weil ausgerechnet der sendereigene Nachrichtenanchor Claus Kleber von den Schummeleien profitiert hatte, war dem banalen Rankingspiel alle Zweckfreiheit abhanden gekommen. Es war so, als würde man im Zirkus das Bühnenlicht löschen und die schmucklose Arbeitsleuchte anknipsen: Plötzlich sind alle Fäden und versteckten Spiegel zu sehen, an denen die Inszenierung hängt. Wer fordert da nicht sein Eintrittsgeld zurück? Auch andere Sender fingen nun emsig an, ihre Rankingshows zu überprüfen. An höchster Stelle wurden in den folgenden Tagen zerknirschte Statements abgegeben, als ginge es um Betrug in der Wahlnacht oder ein Insidergeschäft der Börsen-Redaktion. Mitarbeiter wurden entlassen, Anordnungen erteilt, Verhaltensanweisungen entworfen. Immer wieder tauchten neue, immer banalere Fragen auf: Warum landete der Rhododendronpark aus dem Ammerland nicht auf dem richtigen Platz? Wieso gab es so in der Show „Die beliebtesten Fußballvereine in NRW“ so viele Klicks für „Preußen Münster“? Was ist denn nun die spannendste Brücke Hessens? Und was soll überhaupt diese Frage?


Der Rankingshow-Skandal ist fürchterlich bigott. Er ist nämlich nur deshalb einer, weil so offensichtlich von allen daran Beteiligten – von Programmmachern bis zu den Kritikern – niemand mehr einen vernünftigen Unterschied macht zwischen der unbedingten Wahrheitsverpflichtung in Informationssendungen und der auf Effekt getrimmten Showinszenierung einer Unterhaltungssendung.


Der Sündenfall besteht ja weniger in der Verschiebung eines Rankings als in der Haltung der Sender, uns neuerdings mit dem Verweis auf Straßenumfragen oder Online-Abstimmungen ein U ( = Unterhaltung) für ein X (= Seriöse Information) vormachen zu wollen. Im Fernsehen, das ja ein Verbundmedium ist, folgt auf die „Tagesschau“, die zur absoluten Wahrheit verpflichtet ist, ein fiktiver Krimi und eine Show wie „Verstehen Sie Spaß?“

Im ersten Fall ist die Herkunft der Nachricht von hoher Wichtigkeit. Der Krimi zitiert vielleicht einen authentischen Fall, kann aber über diesen frei verfügen. In der Schummelshow gehört die Lüge geradezu zum Unterhaltungsvergnügen. Als Zuschauer müssen wir das jederzeit auf jedem Kanal einordnen können – und können das in der Regel auch.


Aber was fangen wir nun an mit dem Youtube-Video unbekannter Herkunft in der Nachrichtensendung? Was ist mit dem Biopic, das eine Biografie beschönigt, weil der Rechteinhaber das so verlangt? Wie finden wir es, dass während der Fußball-WM in den News-Sendungen die Weltereignisse zugunsten von den schönsten Toren der ersten Halbzeit im Ablauf heruntergerankt wurden? Wie wollen wir damit umgehen, dass die meisten Recherchen, mit dem das Fernsehen in jüngster Zeit eine gesellschaftspolitische Debatte hervorgerufen hat, nur mit versteckter Kamera und anonymisierten Zeugen zu haben waren?


Letztlich strapazieren die Macher hier den Glaubwürdigkeitsvorsprung des Mediums. Denn wer hinter der Spanischen Wand sitzt und mit versteckter Stimme vom erlittenen Unrecht berichtet, ist ja für niemanden als Quelle überprüfbar. Der TV-Fälscher Michael Born hat das schon einmal für sich genutzt.


Es gibt wichtige Informationen, die sich den Bilderwelten entziehen. Und es gibt schöne Bilderwelten, die keinen Informationswert von öffentlichem Interesse haben. Es macht Sinn, beides zu pflegen, aber wir sollten es bitte nicht als das gleiche betrachten.