Druckabfall im Primärkreislauf

„Restrisiko“,  (Sat.1)


Bei den Privatsendern laufen diese „Komm-wir-müssen-weiter!“-Filme ja ganz gut: Im ersten Teil ignorieren ein paar unsympathische Besserwisser aus Geldgier und Selbstüberschätzung die herannahende Gefahr. Im zweiten Teil müssen sich die paar sympathischen Überlebende vor den Naturgewalten in Sicherheit bringen. Was immer auf der Strecke bleibt, ist die Glaubwürdigkeit dieser spektakulären Endzeitszenarien. Denn die Welt geht unter, weil ein Vulkan in der Eifel ausbricht, der Fernsehturm in Berlin brennt oder ein Tornado über Deutschland hinwegfegt. Der Sat.1-Thriller „Restrisiko“ braucht das alles nicht.


Nicht das „Erst die, dann wir!“, nicht die unaufhaltsame Natur, nicht den Weltuntergang mit Hilfe von „Visual Effects“. In „Restrisiko“ ist die City von Hamburg menschenleer – das kann man während der großen Ferien im Morgengrauen auch so drehen – und das fiktive AKW Oldenbüttel ein dreißig Jahre alter Kasten, der materialtechnisch aus dem letzten Loch pfeift, aber aus wirtschaftlichen Gründen um eine weitere Laufzeitverlängerung kämpft. Auch dieses Szenario ist nicht nur „near future“, sondern ziemlich nah an der politischen Realität. So entschieden sich die Macher von „Restrisiko“, am Ende ihrer Spielfilmhandlung jene vielen „echten“ Demonstranten vor dem Reichstag zu zeigen, die im Herbst 2010 parallel zu den Dreharbeiten zu „Restrisiko“ gegen die Laufzeitverlängerung alter AKWs protestiert hatten. Mit diesem Schluss mischt sich Sat.1 in eine aktuelle gesellschaftspolitische Debatte ein – das allein ist für einen Privatsender schon verblüffend.


Aber auch über dieses politische Statement hinaus ist „Restrisiko“ ein Mitdenkfilm, der den Zuschauer aus seiner konsumistischen lean-back-Haltung herausholen will. Der Weg in die Atomkatastrophe (Drehbuch: Sarah Schnier, Carl-Christian Demke) wird ihm nämlich nicht in einer linearen Dramaturgie gewiesen, sondern in vier Zeitebenen aufgeteilt und motivisch ineinander verschränkt erzählt. Bis im Kontrollzentrum des AKWs der dramatische Satz „Herr Direktor, ich habe keinen Zugriff mehr auf den Reaktor“ fällt, waren bereits die Folgen des GAUs ausführlich gezeigt worden: Um die wahren Ursachen für die Katastrophe beweisen zu können, kehrt die Sicherheitschefin des Kraftwerks Katja Wernecke (Ulrike Folkerts) in die verstrahlte Zone zurück, dabei durchquert sie das evakuierte Hamburg, flieht vor Plünderern und trifft auf bauernschlaue Erntehelfer, die kontaminierte Äpfel aus dem Alten Land noch rasch zu „gesundem“ Obst aus Übersee umdeklarieren.


Auch die Imagekomponente der Atomdebatte findet Eingang in den Themenfilm: Mit Matthias Koeberlin als  Imageberater Steffen Strathmann bekommt die Berater-Branche ein freundliches Gesicht, das dem Publikum sonst eher als opferbereiter Held der „Komm-wir-müssen-weiter!“-Filme geläufig ist. Gemeinsam decken Folkerts und Koeberlin nun auf, was Kai Wiesinger als Direktor des AKWs nicht wahr haben will: Dass die Baureihe des alten Meilers eine weitere Leistungsoptimierung nicht verkraften wird.


Die Szenen im fiktiven Kernkraftwerk Oldenbüttel wurden im österreichischen Atomreaktor Zwentendorf gedreht. Der war zwar in den siebziger Jahren komplett aufgebaut, aber nie ans Netz gegangen. Ein Volksentscheid hatte die Inbetriebnahme 1978 mit knapper Mehrheit verhindert. Heute dient die Industrieruine als Ausbildungsstätte für den Kernkraft-Nachwuchs und zwei baugleichen deutschen Meilern als Ersatzteillager. In der sorgsamen Inszenierung von Urs Eggers hat die historische Kulisse von Zwentendorf einen coolen Seventies-Touch. In der Schaltzentrale blinkt es stets wichtig, was natürlich zu der Frage des Films passt, ob der „Druckabfall im Primärkreislauf“ nun die „kontrollierte Resa“ nötig macht oder eben nicht. Dieser Ingenieurssprech ist gelegentlich unfreiwillig komisch. Das wird aber von vielen glaubwürdig gespielten Szenen aufgefangen, in denen Ulrike Folkerts ihre Figur als eingekeilt in der Doppelbelastung – hier die zielstrebige Ingenieurin, dort die besorgte Mutter - zeigen kann. So macht sie dem Sat.1-Zuschauer neben dem anstrengenden AKW-Drama zum Mitdenken stets auch das Unterhaltungsanbot eines Family-Entertainment zum zurücklehnen und mitfühlen.