Ohne Happyend

„Restrisiko - Ein Film über Menschen im Maßregelvollzug“


Natürlich ist dieser Film beunruhigend! Denn er führt uns in Spielfilmlänge vor Augen, dass wir die Gefahr, von der er berichtet, einfach nicht (vorher)sehen können. Die Erkenntnis der Blindheit ist für das Bildmedium Fernsehen prinzipiell immer eine Zumutung, ein Angang  - zumal für einen Dokumentarfilm. Denn der will ja zu Erkenntnis kommen, indem er uns Zuschauern seinen Gegenstand zeigt, also sichtbar macht. Oftmals wird diese Kraft der Bilder von Machern und Kritikern sogar so ausgelegt, dass schon der (erklärende) Sprecherton aus dem Off als Zeichen des Scheiterns gedeutet wird. Katrin Bühlig, die der Branche vor allem wegen ihrer herausragenden Krimidrehbücher bekannt ist, verzichtet ebenfalls auf einen solches „Voice over“, dafür ist sie selbst im Bild und mit ihren Fragen präsent. Wenn die zierliche Berlinerin mit dem blonden Haaren auf Kinderspielplätzen in der Umgebung nach den Ängsten von Eltern und Anwohnern fragt und dann selbst durch den Bodyscanner der Sicherheitssperre in die geschlossene Abteilung der Forensichen Psychiatire Eickelborn geht, dann ist das ein erstes, wohl kalkuliertes Bild zur Lage.


Bühlig hat an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie studiert. Ihr Film „Restrisiko“ über Sexualstraftäter im Maßregelvollzug ist keine unbedachte Schreibtischflucht, kein egoistischer kreativer Ausflug, kein nach neuen Ausdrucksformen suchendes Debüt. Ihr Film sucht konkrete Antworten auf eine sehr große, fast schon philosophische Frage: Wie wollen und wie müssen wir mit (Mit)Menschen umgehen, die potentiell eine lebenslange Gefahr für die Gesellschaft darstellen?


„Restrisiko“ ist klassisch gebaut, der Film führt sein Publikum von außen nach innen, von der Peripherie ins Zentrum.  Lange beschäftigt sich Katrin Bühlig mit der Oberfläche „Alltag“, die in Eickeborn letztlich abläuft wie in anderen Gefängnissen auch: Die Küchenmesser sind verschlossen, die Türen öffnen sich nur in Begleitung, der Himmel ist vergittert. Die drei Männer, die Bühlig portraitiert, werden bei banalen Verrichtungen gezeigt: Sie kochen für ihre Mitgefangenen, sie bemalen Gartenzwerge, sie schlagen die überflüssige Zeit tot mit Grundrisszeichnungen ihrer Lieblingsserie, die niemand braucht.


Sie empfinde keine Furcht, wenn sie ihren Gesprächspartnern gegenübertritt, sagt Katrin Bühlig in der Mitte des Films, und wir Zuschauer können es ihr längst nachfühlen. Aber die Leiterin der Psychiatrie ist strikt: Diese Sorglosigkeit sei ein Fehler, betont sie. Niemand kann die Zukunft vorhersehen – auch die Patienten selbst nicht.


Der Film legt nahe, was die Fachleute immer wieder betonen: Sexualstraftaten entziehen sich der individuellen Einsichtsfähigkeit. Denn die Patienten von Eickelborn können ausgesprochen eloquent und selbstreflexiv über sich nachdenken. Sie sind geübte Therapiegänger. Sie haben gelernt, über ihre Taten zu sprechen. Aber das alles ändert nichts an ihrer Gefährlichkeit. Am Ende der neunzig Minuten macht Katrin Bühlig uns klar: Sie können sich selbst nicht über den Weg trauen. Wie soll dann die Gesellschaft ihnen trauen?


Den interessantesten Aspekt der insgesamt uneingeschränkt sehenswerten Dokumentation findet Katrin Bühlig aber nicht hinter Gittern, sondern diesseits der Sicherheitssperren. Im Gespräch mit den Adoptiveltern eines Patienten nimmt der Film noch einmal eine andere Perspektive ein. Am Kaffeetisch werden Fotoalben mit Kinderbildern gezeigt, Erinnerungen ausgetauscht, Erziehungsstile abgewogen. Noch einmal stellt sich die Schuldfrage. „Warum hat er das gemacht?“ Die Eltern wissen es nicht. Wie auch? Wer will, kann in ihren Sätzen so etwas wie grenzenlose Empathie mit ihrem einzigen Kind herauslesen und sich fragen: Fehlte dem Jungen, der später keine Grenze im Umgang mit seinen Sexualpartnern fand, vielleicht doch einst ein klares, Grenzen setzendes erzieherisches Nein? Aber als Zuschauer verwirft man diese Küchenpsychologie sogleich wieder. Die Gefahr ist einfach nicht kalkulierbar. Die Zukunft bleibt ungewiss. Der Sohn hinter Gittern. Dieser Film lässt uns tief in der Nacht mit voller Berechtigung ratlos und beunruhigt zurück. Man könnte auch sagen: wach.