Vom Wegräumen

„Rommel“ (ARD)


Als sie vor zwei Jahren Fernsehspielchefin des SWR wurde, war das Filmprojekt „Rommel“ schon eine Altlast. Die Erben verärgert, die Autoren abgesprungen, die Finanzierung offen. Es hätten sich leichtere Aufgaben für den Anfang denken lassen. Aber Christine Strobl nahm die Herausforderung an, drückte gemeinsam mit Produzent Nico Hofmann und Regisseur Niki Stein die Reset-Taste. Am Anfang sei es vor allem ums Weglassen gegangen, erklärt Strobl, die inzwischen in ihrer Funktion als DEGETO-Chefin das 6-Millionen-Projekt verantwortet, bei der Berliner Pressekonferenz. Und sie macht dazu eine sehr ausladenden Geste mit beiden Händen – ganz so, als schiebe sie imaginären Plunder vom Redaktionstisch: Den Feldherrn, den Wüstenfuchs, den Propagandastar, den Draufgänger. Den Hitlergetreuen. 


Die Filmerzählung, die heute in der ARD zu sehen ist, hat sich vom Mythos Rommel befreit, indem sie ihn gar nicht erst erzählt: Nicht Rommels rasante Karriere unter dem Oberbefehlshaber Adolf Hitler, nicht seine militärischen Erfolge im Afrika-Feldzug, weder seine bereitwilligen Heldenposen vor Goebbels „Wochenschau“-Kameras noch seine Niederlage von El Alamein. Der Film setzt ein, wo der Held schon aufgehört hat, einer zu sein: im März 1944. General-Feldmarschall Erwin Rommel soll im Auftrag des Führers an der Westfront die Invasion der Anglo-Amerikaner verhindern. Die machen jetzt schon Landeübungen bei Ebbe, der Atlantikwall mit seinen vielen hölzernen Hemmbalken müsste noch weiter ins Meer gebaut werden. Rommel steht unter Druck. Ulrich Tukur spielt ihn bei der Truppeninspektion am nordfranzösischen Strand noch als ehrgeizigen Einpeitscher, aber schon jetzt lässt er durchblicken, was ihm den ganzen Film über zum Begleiter wird: dass ihm nicht mehr ganz wohl bei alldem ist. „Immer nur zu sagen ‚Halten bis zum letzten Mann’ bringt doch nichts“, wird Rommel später verärgert sagen. Und dass beim Führer Recht bekommt, wer zuletzt die Türklinke in der Hand hatte.


Die Geschichte, die Niki Stein mit „Rommel“ erzählt, ist nicht zuletzt eine, zu der das Hannah Ahrendt-Zitat passt, das der Regisseur seinem Film vorangestellt hat: „Wir sind auch für unseren Gehorsam verantwortlich“. Es ist nämlich die Geschichte von einem, der erst einen Blitzkrieg führte und dann zu spät zu der Einsicht fand, auf der falschen Seite gekämpft zu haben.  Maurice Philip Remy und Gabriela Sperl, die beiden Autoren der ersten Drehbuchfassungen, hätten gerne mehr vom Blitzkrieg, aber auch mehr von der späten Einsicht erzählt. Für sie sollte die historische Figur Rommel eingangs umfassender beleuchtet werden, und später dann seine Kontakt zum Widerstand rund um Stauffenberg stärker im Fokus stehen. Die Familie Rommel und befürchtete irgendwann, der Vater und Großvater werde von den Filmleuten zu einseitig als „Günstling, Emporkömmling, Naziverbrecher“ dargestellt. Man stritt sich, mit der Historikerin und Teamworx-Beraterin Cornelia Hecht auch vor Gericht.


Wer die Scharmützel verfolgte, die zum Teil über die Presse ausgetragen wurden, konnte hinter dem Disput wieder jene Vereinnahmung erkennen, die mit dem Leben Rommels tragischerweise über dessen Tod hinaus verbunden scheint: Seine Vita, einst schon von Goebbels zu Propagandazwecken ausgebeutet, ist so ambivalent und deutungsoffen, dass sie bis heute beide Seiten zu Interpretationen reizt, die Verdeutlichungen sein wollen. Entweder der „saubere“ Offizier, vor dem sogar „der Engländer“ Respekt hatte, oder der Protegé des Führers. Hier der weitsichtige Mitverschwörer vom „20. Juli“, dort der gehorsame Offizier, für den der Tyrannenmord keine Option ist. Schon fällt einem wieder die Geste von Christine Strobl ein: Beiseite schieben, alles einmal einfach beiseite schieben.


Niki Stein und Ulrich Tukur erzählen, was mit Quellen als Tatsache belegbar ist. Und doch ist ihnen mit ihrem Historienfilm etwas verblüffend Zeitgemäßes gelungen: Sie haben den Menschen Rommel freigelegt. Sie zeigen weder den Widerstandskämpfer noch den Opportunisten, nicht einmal einen gebrochenen Helden. Sondern einen Mann, der zweifelt. Einen, der unerwartet mehrere Optionen hat und sich partout nicht entscheiden kann. Sie erzählen Rommel als einen aus unserer Zeit, die eine „Gesellschaft der Optionen“ ist: In der Demokratie, die das NS-Regime selbstverständlich nicht war, gibt es für fast alles immer noch eine weitere Möglichkeit, eine entgegen gesetzte Perspektive, eine abweichende Meinung, eine oppositionelle Haltung. Was soll ein junges Publikum fast siebzig Jahre nach dem Hitler-Attentat an Rommel interessieren? Womöglich gerade das: sein Wankelmut, sein Zögern, sein ambivalentes Verhalten, einerseits mit hochgeklapptem Visier zum Führer zu marschieren und ihm geradeaus Friedensverhandlungen vorzuschlagen. Und andererseits darauf zu hoffen, dass er sich unter dem Radar der Weltgeschichte, die ihn zum Putsch gegen den Potentaten auffordert, wegducken kann.


Um das Zentrum Rommel/Tukur herum stellt Niki Stein viele Figuren in Uniform, die aufgrund ihrer eindeutigen Typisierung die tragische Hauptfigur erst recht mit innerer Spannung aufladen können: Hanns Zischler spielt zum Beispiel den stets distinguierten Oberbefehlshaber West, der sich im entscheidenden Moment elegant zurück hält. Tim Bergmann ist der Oberstleutnant von Hofacker, der den Tod bereits vor Augen noch mit ungebrochenem Timbre Sätze sagen kann wie: „Dass wir vor den Augen der Weltöffentlichkeit den Aufstand gegen diese Verbrecher wagen, darauf kommt es an!“ Das sind die traditionellen Rollenauffassungen des Historiendramas: Hier die Guten, dort die Mutlosen oder noch Schlimmeren. Der Counterpart zu Tukurs Rommel ist aber Benjamin Sadlers Interpretation des General Hans Speidel, Rommels Stabschef. Niki Stein skizziert ihn in seiner Inszenierung als einen, der in allem das Gegenteil von Rommel ist: Er ist der Zuflüsterer, wo Rommel die Lage offen anspricht. Er ist der Rädelsführer, wo Rommel zögert. Er rettet schließlich sein Leben, wo Rommel mit den Worten „Jawoll, ich habe mich vergessen“ in den von Hitler erzwungenen Freitod einwilligt. Sadler spielt ihn als stille Sensation. Man möchte gleich noch einmal mit ausladender Geste alles beiseite wischen und sich für diesen Speidel interessieren. Die Geschichte geht ja weiter. Hans Speidel brachte es in der NATO bis zum Vier-Sterne-General.