Nach innen weinen

„Schicksalsjahre“ (ZDF)


Für ihre Kinder Bärbel und Uwi war sie die äußerlich starke, aber innerlich erloschene Mutter. Für die Zeitgeschichte war sie eine von Millionen Trümmerfrauen, die das Nachkriegsdeutschland aufbaute, deren eigenes Leben aber für immer ein Trümmerfeld blieb. Für die Schauspielerin Maria Furtwängler ist die Auseinandersetzung mit Ursula Heye nach eigenen Aussagen eine „berührende Erfahrung“ gewesen. Man will ihr das wirklich abnehmen, so glaubwürdig wie sie diese Frau in dem ZDF-Zweiteiler „Schicksalsjahre“ verkörpert. Für den Journalisten und SPD-Politiker Uwe-Karsten Heye war das Leben seiner Mutter Ursula nicht zuletzt ein Ansatzpunkt, um das „Nie wieder Krieg!“, das „seine“ rot-grüne Bundesregierung gerade aufweicht hatte, noch einmal mit der Kraft der biographischen Erinnerung ausrufen zu können. Der Entschluss des erwachsenen Sohnes, über die eigene Mutter ein Buch zu schreiben, habe aber auch viel mit den aufkommenden rechten Tönen zu tun gehabt, die in den Nullerjahren das bundesdeutsche Gesellschaftsklima wieder zu untermalen begannen, erklärte Heye bei der Berliner Premiere zum Film. „Das war die Zeit, in der wieder Synagogen brannten und Menschen wegen ihrer Hautfarbe angegriffen wurden.“ Anhand seiner eigenen Familie habe er erklären wollen, „wohin es führt, wenn man wegguckt, sich wegduckt zur falschen Zeit.“


Aus den Lebenserinnerungen „Vom Glück nur ein Schatten“ ist nun also der Fernsehfilm „Schicksalsjahre“ geworden und man kann dem Buchautor in beidem beipflichten: Dass dem ZDF eine wirklich sehenswerte Adaption gelungen ist. Und dass Heyes lyrischer Buchtitel dem Film viel besser angestanden hätte als die griffige Formel, auf die der Filmtitel die komplexe Geschichte nun fälschlicherweise reduziert: Lediglich vier Jahre dauert das Eheglück von Ursula Heye (Maria Furtwängler) mit ihrer großen Liebe Wolfgang (Pasquale Aleardi). Diese unglaublich kurze Zeitspanne muss Vorrat genug sein, um das lange und beschwerliche Leben danach aushalten zu können. Ursula verlängert ihre Ehe in Gedanken so gut es eben geht, hält die Erinnerung an den Vater bei den Kindern mit Notlügen aufrecht, schließt ihr Herz vorsorglich ab, damit kein anderer den Platz ihres Mannes dort einnehmen kann. Maria Furtwängler, die für die Produktionsfirma teamWorx vor Jahren schon in „Die Flucht“ den beschwerlichen Weg über das Haff antrat, zeigt in „Schicksalsjahre“ unendlich viel mehr von der emotionalen Überlebensstrategie jener Trümmerfrauen, die sich meist nur gestatteten, nach innen zu weinen, um nicht in einem Meer der Tränen ertrinken zu müssen.


Die Verfilmung folgt diesem Muster der Imagination, den sich Ursula Heye zurecht gelegt hat, dramaturgisch wie ästhetisch. Obwohl Pasquale Aleardi nur wenige „lebendige“ Szenen mit Maria Furtwängler hat, taucht er doch wie ein gut-böser Geist auch später immer wieder auf. Dieses „In Erinnerung bleiben“ gelingt dem ersten Teil freilich etwas organischer, weil das Liebesglück, so opulent und lebendig es von Regisseur Miguel Alexandre in Szene gesetzt wird, noch lange in der Gefühlserinnerung der Zuschauer nachschwingen kann. Je mehr allerdings der Krieg, das Leben und damit die Filmhandlung fortschreitet, desto irrealer wirken die filmischen Flashbacks. Am Ende einer langen Reise ist man fast wütend auf diesen nicht alternden Untoten, der weder leben kann, noch sterben darf.


Leicht ist vorstellbar, wie das ja eher ältere Stammpublikum am Montag beim zweiten Teil von „Schicksalsjahre“ vor dem Fernseher nach innen weinen muss, weil es in der nun so verhärmten Maria Furtwängler die eigene unnahbare Mutter, in dem verblassten Foto von Pasquale Aleardi den eigenen vermissten Vater erkennt. Leicht konsumierbares Geschichtsfernsehen ist das sicher nicht. Eher schon eine emotionale Achterbahnfahrt, die aber auch die Jüngeren im Publikum mit diversen existentiellen Fragen durchschütteln will: Was haben wir eigentlich heute, wo jede zweite Ehe nach weniger als drei Jahren geschieden ist, für einen Liebesbegriff? Wieviel Ichsucht darf sich die Gesellschaft achselzuckend leisten? Wie groß ist der individuelle Preis für das „menschliche Versagen“ einer Gesellschaft?

„Schicksalsjahre“ ist ein sehr emotionaler, aber auch ein politischer Film. Es ist dem ZDF zu danken, dass es die Verfilmung von „Schicksalsjahre“ so und nicht anders angegangen hat. Man muss eigentlich gar nicht Maria Furtwängler zu Maybrit Illner in die Talkshow schicken und sie über Frauenquoten nachdenken lassen, um die „Schicksalsjahre“ an aktuelle Debatten heranzuführen. Aber nun gut: Wenn’s dem Film hilft ...