Showroom

 

Ein echter Petzold

Polizeiruf 110: Kreise


Die Tote im Wald kannte hier jeder. „Wir sind ein kleiner Vorort“, erklärt dazu der Ermittlungsleiter. Die Kommissare kennen sich nicht aus. Sie verirren sich in der Landschaft und verheddern sich erst in ihrem Ehrgeiz, später dann in ihrer Zuneigung. „Ein guter Verlierer sind Sie offenbar nicht“, bemerkt die neue Kollegen Constanze Hermann (Barbara Auer) spitz, nachdem klar wird, dass sie die Straßenkarte doch richtig gelesen hat. „Ja, das ist eine Schwäche von mir“, erwidert Hans von Meuffels (Matthias Brandt) und will doch das letzte Wort behalten: „Zum Ausgleich bin ich nachtragend.“ (mehr lesen)



Ein Museum für Alltagskultur
Deutschland 83


Letztlich ist die Geschichte schon durch, bevor RTL die erste Folge von „Deutschland ’83“ überhaupt gezeigt hat. Denn dank einer Vorveröffentlichung auf dem US-Sender Sundance TV und der damit verbundenen internationalen Aufmerksamkeit, kann die Serie bei der deutschen Erstausstrahlung gar nicht mehr floppen. Vielleicht werden die Quoten nicht so gut sein wie erhofft, das könnte passieren. Denn zuletzt funktionierten Serien beim Stammpublikum des Senders nicht besonders gut. Dann aber, so kann man jetzt schon sagen, wäre der ausbleibende Erfolg nicht der Serie anzulasten, sondern dem Senderumfeld. Hunderttausende Amerikaner können sich schließlich nicht irren. Oder etwa doch? (mehr lesen)


Was sollte man auch sagen?

„Die Folgen der Tat“ (ARD)

Der schlichte Satz ist das Zentrum des Films, und er klingt wie eine Frage: „Ich kann doch meinen Kindern nicht misstrauen“, sagt Christa Albrecht zu ihrer Tochter Julia. Die erwidert mit einer verschachtelten Satzkonstruktion: „Man kann auch sagen, dass man jemanden ernst nimmt, wenn man nicht gleich alles glaubt.“ Hätte Christa Albrecht 1977 ihre Tochter Susanne so ernst genommen, dass sie ihr nicht gleich alles geglaubt hätte, wäre Jürgen Ponto wohl am 30. Juli 1977 nicht von der RAF in seiner Wohnung erschossen worden. So aber hatte Christa Albrecht ihrer Tochter Susanne geglaubt, dass sie sich von ihren radikalen Freunden wieder entfernt hatte, dass sie zurück wollte in die bürgerliche Gesellschaft, in die Hamburger Familie. Ohne Misstrauan hatte sie ihre Freunde Ignes und Jürgen Ponto angerufen und Susanne angekündigt. Zwei Mal war die gesuchte RAF-Terroristin im Hause der Pontos zu Gast gewesen. Beim dritten Mal hatte sie Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar dabei. Als sich Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, gegen seine Entführung zur Wehr setzte, hatten sie geschossen. Nicht Susanne, aber die anderen. (mehr lesen)



So sehen keine Sieger aus

„Nackt unter Wölfen“ (ARD)

Der Roman ist ein Denkmal. Er war das meist gelesene Buch der DDR, Pflichtlektüre in den Schulen, Selbstvergewisserung des antifaschistischen Menschen. Aber nach der Wiedervereinigung hatte der Nimbus von „Nackt unter Wölfen“ so wenig Bestand wie der des Palasts der Republik: An beidem stellten Fachleute nachträglich gravierende Konstruktions-Mängel fest. So wird, wo einst die Volksammer tagte, ein neues Stadtschloss gebaut. Und dem Oscar nominierten DEFA-Spielfilm von 1963 stellt die ARD eine Neuverfilmung gegenüber. „Nackt unter Wölfen“ von Stefan Kolditz und Philipp Kadelbach will sein wie das Humboldtforum, das hinter rekonstruierten Barockfassaden zeitgemäße Gegenwarts-Architektur entstehen lässt. (mehr lesen)


Nur Platz für Tiere

„Grzimek“ (ARD/Degeto)


Er hat gesagt: „Serengeti darf nicht sterben“. Und die Serengeti lebt. Er hat gesagt: Der Frankfurter Zoo muss bleiben. Und der Zoo blieb. Der Tierfilmer und Zoologe Bernhard Grzimek war ein Mann der Tat, der Ehemann und Familienvater eine Katastrophe. Während seine Frau Hildegard und die Söhne Rochus und Michael im Allgäu darauf warteten, das Papa von der Ostfront heimkehrt, lotste seine Geliebte den Fahnenflüchtigen aus der Berliner Gefahrenzone ins sichere Ostwestfalen. Aus der langjährigen Verbindung, die kurz nach dem Krieg zerbrach, waren zwei uneheliche Kinder hervorgegangen. Als Grizmeks ältere Tochter Monika 1963 auf der Durchreise nach Israel beim Frankfurter Zoo Halt macht, um ihren leiblichen Vater zu treffen, fragt Bernhard Grzimek die junge Frau: „Möchten Sie ein Autogramm?“ (mehr lesen)


Im Nachtbuss

Tatort „Das Muli“ (ARD/RBB)


Ein junges Mädchen taumelt greinend über den nächtlichen Kurfürstendamm, ihr Körper ist blutüberströmt. Eine Frau in den besten Jahren stürzt sich Hals über Kopf ins Berliner Clubgeschehen, ihr wortloser One-Night-Stand könnte auch eine Vergewaltigung sein. Kurz nach Morgengrauen steht ein Mann mit versteinerter Miene in einem trostlosen Vergnügungspark, ein anderer wird gleich Koffer packen, um seine Familie zu verlassen. Derweil erschrickt irgendwo eine Putzfrau über das Badezimmer einer Ferienwohnung, in der offenbar eine Frauenleiche zerstückelt wurde. Mit hohem Erzähltempo macht der neue Berliner „Tatort“ von Stephan Wagner und Stefan Kolditz seine künstlerische Aufwartung. (mehr lesen)



Und tschüß, „Wetten dass..?!“


Es geht ja schon lange nicht mehr um „Wetten, dass..?!“, und es ging doch letztlich nie um Markus Lanz! Die Frage des letzten Jahres – „Was wird aus der erfolgreichsten Unterhaltungsshow des Deutschen Fernsehens?“ war von Anfang an zu klein gefragt. So musste die Antwort „nix“ von ZDF-Programmdirektor Himmler unbefriedigend sein.  Denn Himmler hatte die Entscheidung, „Wetten, dass“ am 13. Dezember zu beenden, lediglich operativ begründet. Er beschrieb, wie sich Rahmenbedingungen für das Format geändert haben. Anders als früher sind US-Stars nun jederzeit und überall greifbar. Talentshows, in denen man sich vor einem großen Fernsehpublikum präsentieren kann, haben inzwischen auch die anderen Sender. Das Sofafernsehen der ganzen Familie ist dem Zeitgeist zum Opfer gefallen. Das alles stimmt – und ist sogar nur die Spitze des Eisbergs. (mehr lesen)




In jeder Minute eine Gratwanderung

Das Zeugenhaus“(ZDF)


Die Begebenheit ist unerhört und doch auf den ersten Blick kein Filmstoff: Zur Vorbereitung der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse führten die Alliierten zwei Gästehäuser, in denen sie die Zeugen unterbrachten. Aus Platzmangel – auch Nürnberg lag in Schutt und Asche – wurden Opfer und Täter unterschiedslos unter dem gleichen Dach untergebracht. Durch den Zufallsfund eines Gästebuches wurde die Spiegel-Journalistin und Autorin Christiane Kohl Jahrzehnte später auf diese „Wohngemeinschaft“ aufmerksam, die aus heutiger Sicht eine bizarre Konstruktion ist: Die Überlebenden des Holocaust und der Erfinder der Gestapo an einem Tisch? Der Hitlerfotograf Hoffmann oder Görings Sekretärin Wand an Wand mit Erwin Lahousen, dem Kronzeugen der Anklage?  (mehr lesen)



Gesagt ist gesagt

Altersglühen - Speeddating für Senioren (ARD/WDR/NDR)


Schauspieler sind nie sprachlos – außer, es steht im Drehbuch. Viele lernen ihre Dialogsätze vor Drehbeginn wie eine Opernpartitur auswendig. Andere gehen mit einem ungefähren Wissen an den Set. So oder so, die Kunst des Schauspielers besteht vor allem darin, den Zuschauer vergessen zu machen, dass die Figur eine erfundene Behauptung ist, die nur so aussieht wie der echte Matthias Habich oder die wahre Angela Winkler. Aber wie ähnlich sind sich eigentlich Senta Berger und ihre Kriminalrätin Prohacek? Ist Michael Gwisdek auch als Michael Gwisdek so hemdsärmelig wie in seinen Kinorollen? Hat Mario Adorf etwas zu sagen, wenn ihm der Text nicht vorgeschrieben ist? Kurz: Was passiert, wenn das Leben in den Film eindringt wie ein Wasserrohrbruch im Keller und alle Fundamente, auf die eine Inszenierung aufgebaut ist, hinwegschwemmt? (mehr lesen)



Auf, auf, Fernsehverächter!

Tatort: „Im Schmerz geboren“ (ARD/HR)


Obacht! In diesem Krimi werden in 90 Minuten 47 Menschen sterben, aber „Im Schmerz geboren“ zielt in Wahrheit direkt auf uns: das Publikum. Die Vendetta, um die Drehbuchautor Michael Proehl seinen Tatort gebaut hat, ist eine Abrechnung mit jenen, die sich lautstark schimpfend vom Fernsehen abwenden, weil sie dort Wagnis, Stilbewusstsein, Unausrechenbarkeit, Fabulierkunst, also unterm Strich: den US-Serienstyle vermissen. Nun also hat der Hessische Rundfunk diese ärgsten Feinde zum Shoot-Out auf die Hauptstraße des Teledorfs bestellt ... (mehr lesen)



Keine Show ohne Lüge

Zum „Rankingshow-Skandal“


Schon mal im Zirkus in der ersten Reihe gesessen und gedacht: Wie macht das der Zauberer mit der Jungfrau eigentlich? Wer zum Gaukler geht, um den Zauber des Magiers zu entlarven, ist ein Spielverderber. Ob die verschobenen Spiele im Fußball oder der Buntstiftlutscher bei „Wetten, dass..?“ – es sind in der Regel nicht die Zinker und Falschspieler, die das Spiel entzaubern. Sondern die, die empört „Seht ihr das denn nicht?!“ rufen. Denn es gehört zum Wesen der Unterhaltung, dass die Realität um der Show willen zugespitzt wird. Was wäre Jahrmarkt ohne Gruselkabinett? Der Propagandist vor dem Kaufhaus ohne Talmi? Die Rankingshow ohne prächtige Bilder? Andererseits: Nachrichten ohne Nachrichtenwert, Wahlen, deren Ausgang vorher feststeht, Politiker, die vor dem Parlament die Unwahrheit sagen – all dies sind keine Lappalien. (mehr lesen)



Distinktionsverlust

Männertreu (ARD/HR)


Das Angebot ist verlockend. Man müsste gar nicht viel tun, um ganz oben anzukommen. Nur die eigenen Überzeugungen über Bord werfen. Georg Sahl (Matthias Brandt) ist klug genug, das zu durchschauen. „Davon halte ich gar nichts!“ antwortet er spontan, als ihn die Frankfurter Oberbürgermeisterin, eine gute Freundin mit besten Kontakten nach Berlin, fragt, ob er Bundespräsident werden will. Die Gründe für Sahls Nein liegen auf der Hand: „Du weißt, dass ich nie wie ein Klosterschüler gelebt habe“, gibt er zu bedenken. „Wir haben uns geschworen, nie mit der Politik ins Bett gehen“, erinnert ihn abends auch seine Frau (Suzanne von Borsody). Aber schon während dieses ehelichen Kamingespräches wird deutlich, dass Sahl seine Zweifel vom Mittag bereits dem Ehrgeiz hingegeben hat. (mehr lesen)



Über die Liebe

Zwei allein“ (ZDF/arte)


Ihr Glück ist von Dauer, und es ist vom Alltag noch nicht abgenutzt. Mit wenigen Eingangsszenen macht der Fernsehfilm „Zwei allein“ sogleich nachfühlbar, wie innig sich der Busfahrer Benni (Elmar Wepper) und die Schuhverkäuferin Henri (Gundi Ellert) zugetan sind. Aber gleich in der nächsten Einstellung wird schon deutlich: die eben gesehene rasante nächtliche Busfahrt durch München, die biergeschwängerte Begeisterung, der Polizei durch ein gewagtes Ausweichmanöver noch eben entkommen zu sein, die ungebrochene Freude aneinander - all dies ist schon eine kleine Weile her. (mehr lesen)



Rücken an Rücken

24h Jerusalem“ (BR/arte)


Da saßen sie nun, die Freunde und Weggefährten aus Deutschland. Bekannte Gesichter waren darunter, wie die Kinoregisseure Dani Levy oder Hans-Christian Schmid oder die Schauspielerin Maria Schrader. Kameraleute vom Schlage eines Benedict Neuenfels waren dabei, Dokumentarfilmer wie Andres Veiel oder Alice Agneskirchner. Die meisten hatten schon  bei „24h Berlin“ mitgemacht. Ohne nach Gage zu fragen, waren sie  dem Hilferuf des Berliner Filmproduzenten Thomas Kufus gefolgt und an diesem Tag nach Israel gekommen, um ein Filmprojekt zu retten, das nicht zum ersten Mal vor dem Aus zu stehen schien. „Wir können nicht noch einmal verschieben, schon aus finanziellen Gründen“, beschrieb Kufus an diesem Abend die prekäre Lage. „Wir müssen in drei Tagen drehen. Schlimmstenfalls freestyle mit unseren Handykameras.“ (mehr lesen)




Das Leben ist ein Kettenkarussell

„Grenzgang“ (WDR/ARD)


Das sei doch eine „Flucht im Kreis“, muss sich Thomas sagen lassen, als er seiner Freundin den geplanten Rückzug von Berlin nach Bergenstadt eröffnet. Es ist ein „Rückzug“ im doppelten Wortsinn: Thomas geht zurück in seine alte Heimat, die er einst zugunsten der großen weiten Welt hinter sich gelassen hatte, und er zieht sich auch aus dem Berliner Wissenschaftsbetrieb zurück, der den promovierten Historiker auf halber Karrierestrecke ausspuckte wie einen nutzlosen Kirschkern. Mit spätpubertärer Geste, auf das Eingangsschild des Historischen Seminars zu pissen, verabschiedet sich Thomas (Lars Eidinger) aus seiner Jugend und kehrt als gesetzter und desillusionierter Studienrat an seinen Geburtsort zurück.  Drehbuchautorin Hannah Hollinger, die den gleichnamigen, 450 Seiten starken Roman von Stefan Thome in klug gewählten Ausschnitten für das Fernsehen einrichtete, beginnt ihre Geschichte mit dieser „Flucht im Kreis“. Sie setzt damit gleich ein zentrales und vieldeutiges Bild, das den Zuschauer durch die verschachtelte und nicht chronologisch erzählte Geschichte leiten und begleiten wird. (mehr lesen)




Ohne Happyend

„Restrisiko - Ein Film über Menschen im Maßregelvollzug“ (BR)


Natürlich ist dieser Film beunruhigend! Denn er führt uns in Spielfilmlänge vor Augen, dass wir die Gefahr, von der er berichtet, einfach nicht (vorher)sehen können. Die Erkenntnis der Blindheit ist für das Bildmedium Fernsehen prinzipiell immer eine Zumutung, ein Angang  - zumal für einen Dokumentarfilm. Denn der will ja zu Erkenntnis kommen, indem er uns Zuschauern seinen Gegenstand zeigt, also sichtbar macht. (mehr lesen)





Ohne Ausruhinseln

„Unsere Mütter, unsere Väter“ (ZDF)


Sie stehen am Anfang ihres Lebens und fühlten sich bisher in der Mitte der Gesellschaft. Aber dort wollen sie, können sie, werden sie nicht bleiben. Die Hilfskrankenschwester Charlotte will endlich an die Front, die Sängerin Greta unter allen Umständen nach ganz oben. Ihr Freund Viktor ist Jude, er müsste besser heute als morgen hier fort gehen, so wie es den wortkargen Wilhelm vom Fronturlaub insgeheim zurückzieht zu seiner Einheit, die ihm längst vertrauter ist als die eigene Familie. Der Leutnant wird seinen kleinen Bruder Friedhelm mitnehmen zur Vaterlandsverteidigung, die noch eine machthungrige Vorwärtsverteidigung ist. Wie ein Fremder steht Wilhelm im Türrahmen und ringt sich ein Lächeln ab, als er sieht, wie Friedhelm einen Gedichtband in den Soldatentornister steckt. Wilhelm ist der einzige der fünf Freunde, der schon aus eigener Erfahrung weiß, dass man im Schützengraben nicht Gedichte liest, sondern Gebete murmelt. Was das also ist: Krieg! (mehr lesen)




Nur Getöse


Tatort „Aus der Tiefe der Zeit“ von Dominik Graf (BR/ARD)


Die Stadt ist eine Baustelle. Was sich in Berlin als simples Alltagserleben liest, ist für den Münchner Regisseur Dominik Graf gewichtiger Topos vieler Filme. Dem ständigen Umbau der Heimat widmete er sich in seinem Filmessay „München – Geheimnisse einer Stadt“ (2000) explizit. Dabei verrätselte er seine Heimatstadt gemeinsam mit dem Filmkritiker Michael Althen zu einem artifiziellen Dickicht, als das die „Hauptstadt der Herzen“ selbst gar nicht gesehen werden will. Auch in Grafs Münchener „Polizeiruf 110: Cassandras Warnung“ (2011) verirrt sich der neue, eben erst zugezogene Kommissar von Meuffels (Matthias Brandt) so rastlos in aufpolierten Schwabinger Nebenstraßen, wie der Zuschauer in den hektisch aufgeworfenen Nebenhandlungen und dahin skizzierten Nebenfiguren. (mehr lesen)




Vom Abrieb der Zeiten

Berlin - Ecke Bundesplatz“ (3sat/WDR/rbb)


Der einst so federnde Schritt von Reimar Lenz hat an Gravität gewonnen. Es dauert eine Weile, bis der 82-Jährige die Weimarische Straße in Berlin überquert und die Tür des Filmbüros geöffnet hat. Aber sein Gefühl für die Sprache ist so leichtfüßig wie eh und je: „Es stellt sich heraus“, sagt der Schriftsteller, und seine kleine Kunstpause ist wohl zur Hälfte dem Rhythmus und zur Hälfte der Hinfälligkeit geschuldet: „Wir leben noch!“ Detlef Gumm, 65, und Hans-Georg Ullrich,70, begrüßen ihren Gast wie einen guten alten Freund. (mehr lesen)





Schnitt ins Herz

Aus Jugendschutzgründen muss die ARD ihren Fernsehfilm „Operation Zucker“ zensieren, der Kinder besser schützen will


„Wir sind ans Ende unserer Kunst angekommen“, hatte Nadja Uhl noch in der vergangenen Woche bei einer Pressekonferenz gesagt, in der die Kinderhilfsorganisation UNICEF und das BUndeskriminalamt der Öffentlichkeit die wahren Ausmaße des internationalen Kinderhandels vor Augen führen wollte. Uhls Satz war da noch proaktiv gemeint im Sinne einer Arbeitsteilung: Als Hauptdarstellerin des ARD-Themenfilms „Operation Zucker“ zeigt sie als Künstlerin Gesicht, nun müsse es darum gehen, die schlimmen Fakten, auf denen ihr Film basiert, der öffentlichen Wahrnehmung zur Seite zu stellen: Der Handel mit Kindern, ihre Verschleppung und sexuelle Ausbeutung ist ein weltweites organisiertes Verbrechen, das oft in ärmsten Ländern wie Rumänien oder Bulgarien beginnt, aber nur mit seinen exorbitanten Gewinnen existieren kann, weil es hier in den reichen Ländern eine wachsende Nachfrage nach minderjährigen Prostituierte gibt. „Operation Zucker“ erzählt von all dem ... (mehr lesen)




Halb Ware, halb Müll

Tatort „Wegwerfmädchen“ (ARD)


Wenn Menschen zur Ware degradiert werden, ist ihr Tod nur noch eine lästige „Entsorgungsfrage“. Mit einer Radikalität, die sich wohl nur der „Tatort“ ohne Publikumsverlust leisten kann, veranschaulichen Stefan Dähnert (Buch) und Franziska Meletzky (Regie), worum es bei Menschenhandel und Zwangsprostitution geht. Noch während die Vorspanntitel laufen, zeigt „Wegwerfmädchen“ in stummen Bildern zwei Mädchen, die von einer entgrenzten Herrengesellschaft missbraucht und misshandelt werden. Als das „Gelage“ vorüber ist, kommt ein rauer Geselle, der die leblosen gespritzten Körper in blaue Abfallsäcke stopft und in einen Müllwagen verbringt. Der Schredder würde morgen früh aus den Leichen, die einmal Mädchen waren, unidentifizierbare Fleischstücke machen. Nur ein Gewerkschaftsstreik verhindert das. Die Szene, die nun folgt, bleibt haften, auch weil es Kamerafrau Eeva Flug gelingt, in allem grauenvollen Elend noch so etwas wie die Erhabenheit des Lebens zu zeigen: Aus den Müllbergen vor der Verbrennungsanlage steigt die geschundene Larissa – halbnackt, halbtot, halb Ware, halb Müll. (mehr lesen)




Retro-Zukunft

„Sechzehneichen“ (ARD)


Er will, sie muss. Schon in den ersten Filmminuten lassen Achim von Borries und Hendrik Handloegten, die Autoren von „Sechzehneichen“, ihr Thema dezent anklingen. Noch klingt das Motiv aber harmlos, weil fürsorglich: Laura (Heike Makatsch) leidet neuerdings an allergischem Asthma, deshalb muss sie aufs Land ziehen, wo ihr Ehemann Nils (Marc Waschke) ohnehin seine Familie viel lieber leben lassen würde. Hinter den Zäunen der luxuriösen Wohnsiedlung von „Sechzehneichen“ weiß er Frau und Tochter in sicheren Händen. Für die Fotografin Laura ist die Gated Community dagegen von Anfang an ein künstlerisches Abseits und bald auch ein Ehegefängnis, das ihr die Luft erst recht abschnürt. (mehr lesen)




„Das Wahrhafte ist hier eine kleine Geste“

Wotan Wilke Möhring in „Der letzte schöne Tag“ (ARD)


Es könnte später werden... Das ist der erste schöne Tag in diesem Jahr... Das gute Wetter müssen wir ausnutzen.... Warte nicht mit dem Essen auf mich. Dies werden die letzten Worte sein, die der Landschaftsarchitekt Lars Langhoff mit seiner Frau wechselt. Aber das weiß er da noch nicht. Sybille ist schwermütig, aber in diesem letzten Telefonat klingt sie gar nicht so. Tatsächlich nutzen viele Menschen am Ende einer schweren depressiven Episode ihre langsam zurückkehrenden Tatkraft dazu, ihren Suizid zu planen. Alle 45 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben. Zehntausend sind es jedes Jahr. Oft hinterlassen sie nicht einmal einen Abschiedsbrief. Das Fernsehspiel „Der letzte schöne Tag“ erzählt von den Familien, die sie zurücklassen. Von der Trauer und den Schuldgefühlen, von der Ratlosigkeit und der Wut. Von Lars und seinen Kindern. (mehr lesen)


Fuge in B moll

„Bella Block Unter den Linden“  (ZDF)


Keine Neunzehn Minuten dauert der Abstieg vom gut situierten Lebensabend bis zum kargen Abendessen in der Armenküche. Auf einer Wochenendreise zu ihrer Freundin Margrit (Maren Kroymann) wird Bella auf dem Berliner Hauptbahnhof beklaut. Portemonnaie, Personalausweis, Handy: alles weg! Ohne Geld keinen Fahrschein, ohne Personalausweis kein Pardon bei den Kontrolleuren. Und ohne Handy keine Hilfe von Margrit. Überhaupt! Wo steckt die treulose Tomate eigentlich? (mehr lesen)



Der Trick mit dem Busen

„Das Vermächtnis der Wanderhure“ (Sat.1)


Am Sonntag kündigt der Unterhaltungsritter Stefan Raab in seiner Politshow eine erfolgreiche Betriebswirtin als eine „junge, attraktive Unternehmerin“ an und glaubt sich mit dieser gönnerhaften Geste in der Mitte der Gesellschaft. Am Montag erinnert sich ein männlicher Autor und Zeitzeuge im „Spiegel-Ich-Text“ an die Einführung der taz-Frauenquote unter dem griffigen Titel „Der Trick mit dem Busen“. Am Dienstag sendet der Kuschelsender Sat.1 eine wollüstige Rittersaga und braucht keine Viertelstunde, um aus der erhabenen Marie von Hohenstein wieder die vogelfreie Tataren-Hure zu machen. Soll frau sich darüber aufregen?

Nein. (mehr lesen)



Vom Wegräumen

„Rommel“ (ARD)


Als sie vor zwei Jahren Fernsehspielchefin des SWR wurde, war das Filmprojekt „Rommel“ schon eine Altlast. Die Erben verärgert, die Autoren abgesprungen, die Finanzierung offen. Es hätten sich leichtere Aufgaben für den Anfang denken lassen. Aber Christine Strobl nahm die Herausforderung an, drückte gemeinsam mit Produzent Nico Hofmann und Regisseur Niki Stein die Reset-Taste. Am Anfang sei es vor allem ums Weglassen gegangen, erklärt Strobl, die inzwischen in ihrer Funktion als DEGETO-Chefin das 6-Millionen-Projekt verantwortet, bei der Berliner Pressekonferenz. Und sie macht dazu eine sehr ausladenden Geste mit beiden Händen – ganz so, als schiebe sie imaginären Plunder vom Redaktionstisch: Den Feldherrn, den Wüstenfuchs, den Propagandastar, den Draufgänger. Den Hitlergetreuen. (weiter lesen)




Überecht

„Das unsichtbare Mädchen“ (ZDF)


Das unsichtbare Mädchen ist unübersehbar. Durch die Kneipe, in der das soziale Leben von Eisenstein stattfindet, ist auf dem Fußboden ein dicker roter Strich gezogen. Wer glaubt, dass der Sohn des Kneipiers vor elf Jahren die kleine Sina umbrachte, muss am Eingang sein Bier trinken. Alle anderen, die mit Blick auf die fehlende Leiche an die Unschuld des Verurteilten glauben, sitzen bei den Wirtleuten jenseits der Demarkationslinie. Auch Kommissar Altendorf (Elmar Wepper), der seinerzeit als Leiter der „SoKo Sina“ abgelöst wurde, hat dort seinen Stammplatz. Bis heute glaubt er, dass Sina noch lebt. (mehr lesen)




Whodunwhat?

„Das Ende einer Nacht“ (ZDF)


Den Ausruf „Einspruch, Euer Ehren!“ gibt es im deutschen Recht nicht. Er ist durch amerikanischen Gerichtsfilme in den deutschen Sprachgebrauch eingeflossen, und wird heute auch gerne in mittelmäßigen deutschen Filmen gebraucht. Weil es so gut klingt und etwas auf den Punkt bringt, was auch in Deutschland die Rechtsfindung ausmacht: Das Tauziehen der beiden Parteien um die Wahrheit. Der Richter als Ansprechpartner und Schiedsrichter dazwischen. Nicht immer - ja man könnte sogar sagen: eher selten! – fällt das Urteil in der absoluten Gewissheit einer Schuld. Wenn der Angeklagte schweigt, sich die Zeugen widersprechen, das Opfer sich unglaubwürdig macht, der Tathergang unbeobachtet blieb, die Polizei bei der Beweisaufnahme ungenau war, die Staatanwaltschaft Fehler macht, die Verteidiger geschickt sind, kommen wie im „Fall Kachelmann“ erst Zweifel auf und dann Freisprüche zustande, die aus Mangel an Beweisen gefällt werden müssen. In dem neuen Film von Matti Geschonneck geht es genau darum. Und weil es ein kluger, präziser und sorgsam gemachter Film ist, kommt er ohne jede Andeutung auf das prominente Vorbild und ohne das „Einspruch, Euer Ehren“ aus. 

(mehr lesen)




Frontbericht

„Auslandseinsatz“ (ARD)


Sie wollten die Sicherheit in Deutschland am Hindukusch verteidigen. Deshalb sollten die deutschen Einsatzkräfte in Afghanistan Schulen bauen und Polizisten ausbilden. Aber wenn die Bundeswehr im nächsten Jahr aus Afghanistan abzieht, sind wohl mehr Ziele dieser „Friedensmission“ verfehlt als erreicht worden. Die Frage, ob man mit militärischen Mitteln Frieden stiften kann, ist offener denn je. Viele Soldaten, die mit der Überzeugung in einen Auslandseinsatz zogen, der erst sehr spät von Verteidigungsminister zu Guttenberg zum „Krieg“ erklärt wurde, kehrten mindestens desillusioniert, oft sogar traumatisiert zurück. (mehr lesen)



Niemals aggressiv

Amokläufe im Fernsehfilm


Wer nicht weiß, was geschehen ist, hält alles für normal. Der geweißelte Bungalow, der gepflegte Garten, das schmucke Brillengeschäft, das geordnete Leben in der Kleinstadt: alles noch da. Aber für Katharina Reich ist vor einem Jahr alles zerbrochen, woran sie ihr Glück festgemacht hat. Zerborsten in ein Davor und ein Danach. Aus dem Kirchenchor ist sie ausgetreten. An die regelmäßig eingeschlagene Schaufensterscheibe des Geschäfts hat sie sich fast schon gewöhnt. Bei aller Schonungslosigkeit, mit der die Autorin und Regisseurin Aelrun Goette in ihren Filmen von emotional verwüsteten Familien („Unter dem Eis“) oder unrettbar verheerten Kindheiten („Keine Angst“) erzählt, geht es ihr doch immer auch um diese Zerbrechlichkeit. In „Ein Jahr nach morgen“ ist es die Mutter einer Amokläuferin, deren Lebensglück zerbrach, weil ihre Tochter Luca ihres nicht fand. Eines Morgens nahm sie das Jagdgewehr auf dem Schrank ihres Vaters, ging in die Schule, legte an. Drückte ab. Auch ein Jahr danach kann niemand sagen, warum sie das tat. (mehr lesen)




Wie wollen wir leben?

Jahr des Drachen“ ARD


Es kommt wohl häufiger vor, als verheiratete Männer es sich vornehmen und als Ehefrauen es wissen wollen: Der Seitensprung auf Geschäftsreise zählt für viele brave Familienväter nicht als Ehebruch. Zumal wenn die Prostituierte vom Businesspartner vor Ort als Geschäftsausgabe übernommen wurde - wie zuvor das Abendessen und der Feierabend-Whiskey. Auch Thomas Eichner (Klaus J. Behrendt) ist noch viel zu müde von der Flugreise und zu verwirrt den vielen neuen Eindrücken der Megacity Saigon, als dass er lange darüber nachdenkt, warum die süße Huong (Nina Liu) ihm in der Bar eigetnlich so eifrig schöne Augen macht. (mehr lesen)




Mitdenknachdenkumdenkfilm

Der Fall Jakob von Metzler (ZDF)


Jakob von Metzler wäre heute 21 und Wolfgang Daschner auch emotional „im Ruhestand“. Hätte der Jurastudent Magnus Gäfgen 2002 den Frankfurter Bankierssohn nicht entführt getötet, würde wohl auch heute kaum jemand darüber nachdenken, ob es eigentlich moralisch verantwortbar, juristisch gedeckt, oder auch nur menschlich verständlich ist, wenn ein Polizist einem Menschen Gewalt androht, um das Leben eines anderen zu retten. (mehr lesen)





Die Gentrifzitierung des „Tatort“

Zur Entwicklung des „Länderspiegel mit Leichen“


Früher war vielleicht nicht alles besser. Aber überschaubarer war die „Tatort“-Welt mit Sicherheit. Was der WDR-Dramaturg Gunther Witte 1969 als „Länderspiegel mit Leichen“ erfand, sollte ursprünglich ein wenig mehr regionale Vielfalt bieten als der sehr beliebte „Kommissar“ des ZDF. Deshalb ermittelte bald für den „Tatort“ in Köln ein Zollfahnder namens Kressin, in München ein Oberinspektor Veigl mit Jägerhütchen. Der Hanseat mit Trenchcoat hieß Trimmel und fuhr gleich zu Beginn mit dem „Taxi nach Leipzig“ rüber in die Zone. Lange grübelte Witte seinerzeit, ob die Handvoll Kommissare für den Zuschauer auf Dauer nicht doch zu unübersichtlich werden könnten. Die Sorge erscheint angesichts der vielen Gesichter, die heute die „Tatort“-Reihe tragen, geradezu rührend. In der aktuellen Saison, die heute mit dem Schweizer Tatort „Hanglage mit Aussicht“ eröffnet wird, werden 20 Ermittlerteams auf Mörderjagd gehen. Da sind die Kommissare der Schwesternreihe „Polizeiruf 110“ noch gar nicht mitgerechnet. (mehr lesen)





Wie eine Bronzestatue

Konrad Adenauer - Stunden der Entscheidung (ARD/arte)


Er hatte Witz, Biss und einen unüberhörbaren Dialekt. Er war ein Instinktpolitiker und ein Machtmensch. Sturkopf und Freidenker. Die meisten Eigenschaften, die Konrad Adenauer zur Legende machten, teilte er mit seinem Amtsnachfolger Helmut Schmidt. Aber während „Schmidt Schnauze“ als Kanzler wenig geliebt, dafür später umso mehr zur politischen Lichtgestalt erklärt wurde, ist es bei „dem Alten“ umgekehrt: Die Verehrung der Deutschen für den ersten Kanzler der noch jungen Demokratie wich erst einem skeptischen Blick auf den Greis, der von der Macht nicht lassen konnte, und mündete dann in einer vielleicht unfairen Verachtung für die miefige „Adenauer-Republik“. Heute wird Adenauer geopolitisch mit der Westbindung, moralisch mit seinem Altnazi-Adlatus Globke, anekdotisch mit Sprüchen wie „Was schert mich mein Geschwätz von gestern?“ und postalisch mit fünf Briefmarken verbunden. Aber sonst? (mehr lesen)




Nie einerseits-andererseits

Hannelore Elsner zum Siebzigsten


Sie ist zierlich und doch raumgreifend. Selbstvergessen vor der Kamera und dabei stets auf der Hut. Dass sie auf der Bühne, am Set, vor dem Hörbuch-Mikro meist ungefragt ein klein wenig zu viel gibt, ist Gabe und Laster zugleich. Auch ist sie einerseits unzweifelhaft eine Frau ihrer Generation und andererseits doch einzigartig. Aber bei allen Widersprüchen ist Hannelore Elsner vor allem eines: nie einerseits-andererseits. Sondern immer nur sie selbst. Obwohl - was heißt hier eigentlich „nur“?  (mehr lesen)





Symbolhandeln

München 72 – Das Attentat (ZDF)


Es ist ein Film über Entscheidungen. Über richtige und falsche. Über banale und lebensgefährliche. Über den Blickwinkel Einzelner und die Perspektive der Welt. „München 72“ handelt von den Ereignissen während jener Olympiade 1972, die als „heitere Spiele“ in die Geschichte eingehen sollten das Gegenteil wurden. Im Morgengrauen des 5. September überstieg ein palästinensisches Terrorkommando die wenig gesicherten Zäune des Olympischen Dorfes, drang in das Quartier der israelischen Mannschaft ein, nahm elf Athleten als Geiseln. Sie alle, fünf Terroristen und ein Polizist fanden bei diesem Attentat oder dem anschließenden Befreiungsversuch den Tod. (mehr lesen)





Teestunde mit dem Killer

„Stralsund - Blutige Fährte“ (ZDF)


Laut Einsatzplan ist der SEK-Beamte Benjamin Lietz (Wotan Wilke Möhring) nur die Nachhut. Während seine Kollegen oben mit einem Rammbock die Tür eines gesuchten Dealers einschlagen, soll er den Rückzug nach unten sichern. Ein wichtiger, aber kein gefährlicher Job. Bis die Tür bei den Nachbarn aufgeht. Jemand steckt, offenbar vom polizeilich genehmigten Lärm aufgescheucht, den Kopf aus der Tür, sieht die SEK-Beamten, zieht sich zurück. Eröffnet durch die sich schließende Tür das Feuer. Trifft einen Beamten. Löst buchstäblich eine blindwütige Schießerei aus. Zwei Mal schießt Ben auf seinen unsichtbaren Feind hinter der Tür. Und tötet so einen Unschuldigen, der gefesselt und geknebelt in seinem Bürostuhl sitzt, während der Täter durch das Fenster entkommen kann. „Das Feuer zu erwidern, war meiner Meinung nach die einzige Option“, wird der Beamte später gegenüber der internen Ermittlung zu Protokoll geben. „Niemand konnte doch ahnen, dass der Mann einen Gefangenen in der Wohnung hat.“ (mehr lesen)





Kopfkino

„Hannah Mangold & Lucy Palm“ (Sat.1)

Was wäre besonders cool? Vielleicht ein Wortwechsel wie dieser: Sagt ein völlig zugedröhnter Tankstellendieb zur einer wenig gesund aussehenden Kommissarin: „Hey Mutti, das ist ein Überfall!“ Aber die Mutti mit den ungepflegten Haaren legt nur ungeführt ihre Einkäufe auf den Tresen und wendet sich freundlich dem verängstigten Tankwart zu: „Haben Sie mal eine Tüte für mich? Und ein Taxi, bitte“. Das wäre schon cool. Aber noch nicht sensationell originell. Ungerührte Ermittlerfiguren sind vor allem im US-Serien-Fernsehen bereits eine ganze Weile branchenüblich. Aber wie wäre es hiermit: Wendet sich die Kommissarin ihrem Angreifer und seiner auf sie gerichteten Pistole zu: „Eine High Goliath? Jetzt guck dir mal an, wie ich aussehe – meine Pupillen und wie ich schwitze. Entweder ich bin auf Drogen oder auf Adrenalin. So jemanden stoppt man nicht mit einer Gaspistole. Da musst du mir schon direkt ins Gesicht schießen.“ Wenn das Anja Kling sagt, kann das schon sehr cool aussehen... (mehr lesen)



Stich ins Herz

Der 30. Fall von „Bella Block“ (ZDF)


Es ist natürlich „nur“ ein Unruhestand! Als das ZDF vor zwei Jahren seine erfolgreichste Kommissarin in Rente geschickt, die Reihe aber nicht abgesetzt hat, war klar: Bella Block würde die Hände nicht in den Schoß legen (können). Aber wie lässt man eine pensionierte Polizistin immer wieder zufällig über eine Leiche stolpern? „Das ist die Herausforderung für die Drehbuchautoren“, gibt Stephan Wagner zurück: „Wie oft kann man das glaubhaft machen: Die Leiche in Bellas privates Umfeld legen?“ Sein Drehbuch, das der Berliner Regisseur auch selbst verfilmt hat, verwendet viel Sorgfalt darauf, dem Zuschauer die Gefühlslage von Bella vorzustellen, bevor ein Unbekannter der jungen Studentin ein Messer in den Brustkorb rammt. Der „Stich ins Herz“ tötet nicht nur das Opfer, er triff auch Bella Block. Denn ... (mehr lesen)





Nach innen weinen

„Schicksalsjahre“ (ZDF)


Für ihre Kinder Bärbel und Uwi war sie die äußerlich starke, aber innerlich erloschene Mutter. Für die Zeitgeschichte war sie eine von Millionen Trümmerfrauen, die das Nachkriegsdeutschland aufbaute, deren eigenes Leben aber für immer ein Trümmerfeld blieb. Für die Schauspielerin Maria Furtwängler ist die Auseinandersetzung mit Ursula Heye nach eigenen Aussagen eine „berührende Erfahrung“ gewesen. Man will ihr das wirklich abnehmen, so glaubwürdig wie sie diese Frau in dem ZDF-Zweiteiler „Schicksalsjahre“ verkörpert. Für den Journalisten und SPD-Politiker Uwe-Karsten Heye war das Leben seiner Mutter Ursula nicht zuletzt ein Ansatzpunkt, um das „Nie wieder Krieg!“, das „seine“ rot-grüne Bundesregierung gerade aufweicht hatte, noch einmal mit der Kraft der biographischen Erinnerung ausrufen zu können. (mehr lesen)




Heimkino

„Hindenburg“ (RTL)


Es ist ja beinahe schon eine Erleichterung, dass die „Hindenburg“ nun endlich in die Luft geht! Die Idee, das spektakuläre Unglück zu verfilmen, hat nämlich selbst schon eine mehr als zehnjährige Geschichte. Immer wieder tauchte das Stichwort auf der Vorhabenliste der Produktionsfirma „teamWorx“ auf. Aber so, wie das Schicksal der historischen „Hindenburg“ in die explosive Weltpolitik der dreißiger Jahre hineinflog, kollidierte die „Hindenburg“-Verfilmung immer mal wieder mit Finanzkrisen, Werbekrisen, Medienkrisen. Wer, so hätte man sich noch vor zwei Jahren gefragt, soll eine zehn Millionen teure Kostümproduktion für diesen unberechenbaren Zuschauermarkt finanzieren? (mehr lesen)



Enge Verhältnisse

Die fremde Familie“ (ARD)


So wird es nicht weitergehen. Kann es nicht weitergehen. Nicht nach zwei Schlaganfällen. Nicht nach zwanzig Jahren Ehe. Und schon gar nicht nach allem, was den Helden von „Die fremde Familie“ in den nächsten neunzig Minuten Film noch alles bevor steht. Gleich in der Exposition von „Die fremde Familie“ machen Daniel Nocke (Buch) und Stefan Krohmer (Regie) klar, dass die Figuren ihres Films vor einer einschneidenden biographischen Wende stehen. Da gibt es zunächst das Offensichtliche ... (mehr lesen)



Leben ohne Mitte

„Der verlorene Vater“ (ARD)


Man könnte sagen: Der Mann hat keine Mitte. Schwankt unentwegt zwischen liebevoller Fürsorge und unbändiger Wut. Zwischen Zärtlichkeit und Brutalität. Mal verliebt. Mal verloren. Mal vernünftig. Mal verrückt. Man könnte auch sagen: Wenn Arndt zu wenig Mitte hat, dann hat Elke ein wenig zu viel davon. Die frisch geschiedene Beamtin ist aus ihrem alten Leben ausgezogen, aber in ihrem neuen noch nicht angekommen. Ihr Exmann hat eine Jüngere, Elke hat Arndt. Immerhin. (mehr lesen)






Druckabfall im Primärkreislauf

„Restrisiko“,  (Sat.1)


Bei den Privatsendern laufen diese „Komm-wir-müssen-weiter!“-Filme ja ganz gut: Im ersten Teil ignorieren ein paar unsympathische Besserwisser aus Geldgier und Selbstüberschätzung die herannahende Gefahr. Im zweiten Teil müssen sich die paar sympathischen Überlebende vor den Naturgewalten in Sicherheit bringen. Was immer auf der Strecke bleibt, ist die Glaubwürdigkeit dieser spektakulären Endzeitszenarien. Denn die Welt geht unter, weil ein Vulkan in der Eifel ausbricht, der Fernsehturm in Berlin brennt oder ein Tornado über Deutschland hinwegfegt. Der Sat.1-Thriller „Restrisiko“ braucht das alles nicht ... (mehr lesen)





Der Mais wächst jetzt auf LKWs

„Hunger“ (ARD)


„Hirsebrei mit Zucker – das isst man nur, wenn man muss“, sagt der Schlepper aus Mauretanien. Seit knapp zehn Jahren verdient er seinen kargen Lebensunterhalt damit, seine Landsleute unter Todesgefahr nach Europa zu verschiffen. Davor hatte er wie alle hier von der Fischerei gelebt. Immer schlechter gelebt. Das Meer nährt die Menschen nicht mehr, seit die Europäer der mauretanischen Regierung die Fischfangrechte abgekauft haben. Ganz legal abgekauft haben. Die Hochseeflotten aus Übersee machen in Europa den Fisch preiswert und in Afrika die Menschen arbeitslos. Der Mann, der zwischen Hunger und Kriminalität wählen musste, verhüllt seine Identität im Schlagschatten des Kamerascheinwerfers. Viele andere zeigen ihr Gesicht:  (mehr lesen)




Keine Fisimatenten

Der Polizeiruf 110 „Klick gemacht“


„Klick gemacht“ – so müssten eigentlich alle Krimis heißen, in denen ein Schuss am Anfang und ein Geistesblitz am Ende der Geschichte steht. Diesmal meint die Formulierung „Klick gemacht“ aber noch etwas Drittes: Das fatale Geräusch, als Oberleutnant Rolf Darkow (Dirk Borchardt) mitten im Bayerischen Wald auf eine Landmine tritt. „Klick!“

Der Auslöser ist betätigt, der Offizier in der Falle. Eine falscher Schritt, eine unachtsame Bewegung, ein nachlassender Druck und er ist tot. (mehr lesen)