Teestunde mit dem Killer

„Stralsund - Blutige Fährte“ (ZDF)


Laut Einsatzplan ist der SEK-Beamte Benjamin Lietz (Wotan Wilke Möhring) nur die Nachhut. Während seine Kollegen oben mit einem Rammbock die Tür eines gesuchten Dealers einschlagen, soll er den Rückzug nach unten sichern. Ein wichtiger, aber kein gefährlicher Job. Bis die Tür bei den Nachbarn aufgeht. Jemand steckt, offenbar vom polizeilich genehmigten Lärm aufgescheucht, den Kopf aus der Tür, sieht die SEK-Beamten, zieht sich zurück. Eröffnet durch die sich schließende Tür das Feuer. Trifft einen Beamten. Löst buchstäblich eine blindwütige Schießerei aus. Zwei Mal schießt Ben auf seinen unsichtbaren Feind hinter der Tür. Und tötet so einen Unschuldigen, der gefesselt und geknebelt in seinem Bürostuhl sitzt, während der Täter durch das Fenster entkommen kann. „Das Feuer zu erwidern, war meiner Meinung nach die einzige Option“, wird der Beamte später gegenüber der internen Ermittlung zu Protokoll geben. „Niemand konnte doch ahnen, dass der Mann einen Gefangenen in der Wohnung hat.“


Während die Kriminalpolizei von Stralsund noch damit beschäftigt ist, den Tathergang zu rekonstruieren, gewährt Drehbuchautor Sven Posner dem Zuschauer schon erste, noch unverständliche Einblick in die Gefühlswelt des Flüchtigen. Offenbar ist der (noch) Unbekannte auf einem blutigen Rachefeldzug. Nur: Was haben ihm die vielen Frauen angetan, die der freundliche junge Mann mit einem Blumenstrauß besucht und dann als gnadenloser Killer aus dem Leben befördert?


„Blutige Fährte“ ist ein atemloser Thriller, der seine Spannung aus virtuos inszenierten Tempowechseln bezieht: Mal ist der Zuschauer der Fahndung einen entscheidenden Schritt voraus, mal liefern die Ermittler in ihrer hektischen Suche nach Fakten und Zusammenhängen jenen wichtigen Hinweis, der aus zwei vorangegangenen Szenen erst eine schlüssige Handlungskette entstehen lässt. Tröpfchenweise entsteht so ein Gesamtbild des Täters, seiner Motive und seines Vorhabens. Je mehr freilich bekannt ist, desto heftiger wird es für den Zuschauer, dem äußerlich so smarten und innerlich so verheerten Täter zu seinem nächsten Opfer zu folgen.


Regisseur Martin Eigler unterstützt die Anlage des Drehbuchs mit einer Inszenierung, die auf Verschleierung setzt. Er stellt das Böse harmlos dar, lässt das Harmlose gefährlich aussehen und sorgt so dafür, dass die Gefahr sich wie ein sirrender Oberton selbst über die banalsten Revierszenen legt.

Parallel zur Titel gebenden blutigen Fährte wird auch das Binnengefüge im Kommissariat mit Anspannung aufgeladen: der ungestüme Kollege Lietz muss sich für seine Notwehrschüsse verantworten, sein Kollege Ridde (Alexnader Held), nach der Explosion aus der letzten „Stralsund“-Folge an den Rollstuhl gefesselt, will sich selbst beweisen, dass er auch ohne Bein noch einsatzfähig ist. Kommissarin Petersen (Katharina Wackernagel) muss sich zu allem anderen daheim um ihre altersverwirrten Vater kümmern. Alle arbeiten an ihrer psychischen und physischen Leistungsgrenze, um den Wettlauf gegen die Zeit doch noch zu gewinnen. Und derweil sehen wir Zuschauer den Täter mit der ahnungslosen Apothekerin Maria (Sandra Borgmann) in aller Ruhe ein Tässchen Tee trinken. Kein Krimiabend für sensible Gemüter. Aber für alle, die das Fernsehen nicht nur als Einschlafhilfe gut finden.