Im Nachtbuss

Tatort „Das Muli“ (ARD/RBB)


Ein junges Mädchen taumelt greinend über den nächtlichen Kurfürstendamm, ihr Körper ist blutüberströmt. Eine Frau in den besten Jahren stürzt sich Hals über Kopf ins Berliner Clubgeschehen, ihr wortloser One-Night-Stand könnte auch eine Vergewaltigung sein. Kurz nach Morgengrauen steht ein Mann mit versteinerter Miene in einem trostlosen Vergnügungspark, ein anderer wird gleich Koffer packen, um seine Familie zu verlassen. Derweil erschrickt irgendwo eine Putzfrau über das Badezimmer einer Ferienwohnung, in der offenbar eine Frauenleiche zerstückelt wurde. Mit hohem Erzähltempo macht der neue Berliner „Tatort“ seine künstlerische Aufwartung, und auch wenn hier kaum ein Wort gesprochen wird, ist den Figuren die Verzweiflung doch von Anfang an ins Gesicht geschrieben. Autor Stefan Kolditz („Unsere Mütter, unsere Väter“) und Regisseur Stephan Wagner („Mord in Eberswalde“) haben sich ganz auf die Wirkmacht ihrer spektakulären Bilder und hervorragenden Schauspieler verlassen. Kameramann Thomas Benesch rückt den zunächst noch namenlosen und unbekannten Figuren mit engen Bildausschnitten zu Leibe, aber bevor die Intimität der Cadrage Wirkung zeigen kann, hat Cutterin Susanne Ocklitz die Szene schon so oft in extrem wechselnde Perspektiven aufgelöst, das aus der Nähe wieder Rastlosigkeit, aus dem narrativen Verständnis wieder ein stummes Sprachgewirr geworden ist.


So rast dieser Tatort wie heimatlos durch die Hauptstadt, erst nach 13 Minuten werden die neuen RBB-Ermittler Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) erstmals an ihren Schreibtischen bei der klassischen Polizeiarbeit gezeigt. Bis dahin hat der Zuschauer bereits 14 verschiedene Spielorte gezeigt bekommen und mit zwölf verschiedenen Figuren flüchtig Bekanntschaft geschlossen, etliche Komparsen und ein paar Establishingshots nicht mitgezählt. Berlin zieht in diesem Tatort am Auge des Zuschauers vorbei, als säße man in einem der vielen Nachtbusse, die Nacht für Nacht die Schlaflosen und Vergnügungssüchtigen durch die Hauptstadt bringen: Draußen hinter der Scheibe ist immer noch alles voller Bewegung und Lebensgier, aber auch viel Trostlosigkeit und Vereinsamung ist des Nächtens auf den Beinen. Als „Roadmovie durch die Abgründe der nächtlichen Stadt“ will Stefan Kolditz seinen Krimi verstanden wissen, dessen räumliche Ausdehnungen vom verwaisten Vergnügungspark Plänterwald bis zur BER-Ruine am Stadtrand, von der Armenspeisung am Zoo bis zur Müllaufbereitung in Britz reicht.


Karow und Rubin sind laut Drehbuch beide in Berlin zuhause. Aber die Metropole ist so groß und so in kleine Kieze gespalten, dass „sein“ Berlin und „ihr“ Berlin nicht notwendigerweise in der gleichen Stadt sein müssen. Aus diesem Nebeneinander der beruflichen und privaten Existenz will Kolditz über insgesamt vier Folgen des Berlin-Tatorts Funken schlagen. Eine horizontal über vier Episoden hinweg erzählte Backstory nimmt in „Das Muli“ erst ihren schemenhaften Ausgangspunkt: Karow, der bis vor kurzem im Drogendezernat ermittelte, hat seinen Partner verloren. Ob dieser zum Kartell übergelaufen war und womöglich von „seinen eigenen Leuten“ hingerichtet worden ist, zieht sich als großes dräuendes Fragezeichen durch diesen Krimi. Einige Indizien, die nicht zu den offiziellen Ermittlungsergebnissen passen, hat Karows neue Chefin Nina Rubin zusammengetragen. Noch ist sie weit davon entfernt, den besserwisserischen und arroganten Kollegen in ihr Herz zu schließen. „Wunderkind“ beschimpft sie ihn verächtlich, aber Karows Analysefähigkeit und Kombinationsgabe ist natürlich in Wahrheit die perfekte Ergänzung zu Rubins pragmatischen Erfahrungswissen und ihrem sechsten Sinn.


In ihrem ersten gemeinsamen Fall, den die beiden wie zwei einsame Solisten lösen, geht es um eine extrem menschenverachtende Form des Drogenschmuggels: Herumstreunende Jugendliche, wie sie in der deutschen Hauptstadt der Straßenkinder zuhauf leben, werden mit einer Urlaubsreise in den Süden geködert, als Drogenkuriere zu arbeiten. Die so genannten „Mulis“ schlucken in Übersee einen Haufen kleiner Kokainpäcken, um die teure Ware unbemerkt über die Zollgrenze zu tragen – wenn eines der Kondome im Darm platzt, droht ein elender Tod.


Würde Karow ohne mit der Wimper zu zucken, das Muli-Mädchen opfern, wenn er dafür an die Hintermänner des Drogenkartells käme? Seine Chefin Rubin kann sich nicht sicher sein, ob ihr neuer Partner gar die Gegenseite mit Informationen versorgt, also die polizeilichen Ermittlungen behindert und um des größeren Coups das Leben des Mädchens gefährdet. Mit dieser auch moralischen Ungewissheit reiht sich der Berliner „Tatort“ in eine Reihe von ambitionierten Krimi-Entwürfen ein, in denen neben den Einzelepisoden auch noch eine zweite, größere Fallgeschichte angestoßen wird, in denen die Ermittler selbst in Verdacht geraten. Der Rostocker „Polizeiruf“ oder der Dortmunder „Tatort“ stehen für diese Herangehensweise, die vom Zuschauer immer auch eine gewisse Treue – man könnte auch sagen: Leidensbereitschaft – erwartet. Auch „Das Muli“ lockt mit einem Polizeifilm-Versprechen, das sich nicht gleich nach den 90 Minuten Sonntagskrimi einlösen wird. Man kann nur hoffen, dass nach diesem fulminanten (und kräftezehrenden) Auftakt der künstlerische Atem und das sendereigene Produktionsbudget auch in Zukunft ausreichen werden, um das vorgelegte sensationelle Niveau dieses Tatorts weiter zu halten. Berlin hätte einen solchen Hauptstadt-Krimi allemal verdient.