Leben ohne Mitte

„Der verlorene Vater“ (ARD)


Man könnte sagen: Der Mann hat keine Mitte. Schwankt unentwegt zwischen liebevoller Fürsorge und unbändiger Wut. Zwischen Zärtlichkeit und Brutalität. Mal verliebt. Mal verloren. Mal vernünftig. Mal verrückt. Man könnte auch sagen: Wenn Arndt zu wenig Mitte hat, dann hat Elke ein wenig zu viel davon. Die frisch geschiedene Beamtin ist aus ihrem alten Leben ausgezogen, aber in ihrem neuen noch nicht angekommen. Ihr Exmann hat eine Jüngere, Elke hat Arndt. Immerhin.


Die Ausgangsposition für das Drama, das „Der verlorene Vater“ in neunzig beklemmend intensiven Minuten entwickelt, hat Drehbuchautor Daniel Nocke schon in der ersten Szene präzise abgesteckt. Regisseurin Hermine Huntgeburth inszeniert die Exposition entsprechend auf den Punkt: Elke sitzt schon ein kleines Weilchen beim Italiener und wartet. Arndt stürmt in das Lokal und steuert auf die Galerie zu, ohne sich umzublicken. Dann hält er inne, als fiele ihm Elke plötzlich wieder ein. Er dreht sich um, kehrt zurück, setzt sich, beginnt das Gespräch mit einer Lüge: „Der beste Platz im Lokal“ sei das hier. Hier am Fenster, durch das er Elke schon von draußen hätte sehen können? Und nicht auf der Galerie, wo er eben noch hinwollte?


Wer gut aufpasst, kann hier schon sehen, was sich erst später zeigen wird: Arndts Ichbezogenheit und Elkes Du-Bedürftigkeit. Sein Verhältnis zur Wahrheit und ihr Verhältnis zu ihm. In dem Fernsehspiel „Der verlorene Vater“ geht es nur vordergründig um einen Vater, der nach der Scheidung um das Sorgerecht für seine Kinder kämpft. Hinter dieser griffigen Folie geht es um eine weit verbreitete, aber nur schwer zu behandelnde Persönlichkeitsstörung, die von Fachleuten als „Borderline-Syndrom“ bezeichnet wird, auch weil die Betroffenen ständig eine imaginäre Grenze überschreiten: Zwischen Depression und Grandiositätsgefühlen, zwischen Verzweiflung und Größenwahn. Zwischen dem Gefühl, dass  alles schwarz oder alles weiß ist. „Ich brauche deine bedingungslose Unterstützung“ sagt Arndt zu Elke, die lange versucht, die Gefühlsschwankungen ihres Liebhabers als vorübergehende Stresserscheinung zu verharmlosen. Sie weigert sich innerlich, jetzt schon zu sehen, was sich später in aller Deutlichkeit zeigen wird. Und mit ihr geht auch der Zuschauer durch ein Wechselbad der Gefühle. Glaubt zunächst Arndts Schilderungen über seine Exfrau, die zu viel Alkohol trinke und den Kindern kein vernünftiges Zuhause bieten könne. Zweifelt dann aber auch mit Elke, die Arndts Umgang mit seinen Kindern gar nicht väterlich findet und selbst allzu oft unter seinen unkontrollierten Wutausbrüchen leidet. Versöhnt sich schließlich mit ihr und ihm. Und wird gleich in der nächsten Szene wieder daran erinnert, dass Arndt von jeder Vernunft längst Abschied genommen hat. 


Edgar Selge spielt seine Figur mit einem fulminanten Furor, der für den Zuschauer oft schwer erträglich ist. Aber den Bildschirm sprengt sein Spiel nicht in der Aktion, sondern wenn er Arndt stumm und ausgebrannt auf der Bettkante sitzt lässt. Kameramann Rainer Klausmann setzt diese Verlorenheit mit klaustrophobischer Weite ins Bild, Cutterin Eva Schnare lässt das Bild stehen, bis es in sein eigenes Vakuum zu fallen scheint. Selten sieht man im Fernsehen eine Inszenierung, die ihren Figuren so oft so bildhaft den Boden unter den Füßen entzieht. Die den Strudel der Ereignisse so konsequent dazu benutzt, das diffuse Gefühl des „Verlorenseins“ für den Zuschauer spürbar und eben nicht nachvollziehbar zu machen.  Ulrike Krumbiegel spielt ihr „spätes Mädchen“ Elke mit kongenialer Intensität. Auch wenn Edgar Selge die größeren Szenen und dramatischeren Auftritte hat, ist „Der verlorene Vater“ doch im Letzten ihr Film. In Krumbiegels traurigen Augen spiegelt sich Arndts Abgrund und die Ausweglosigkeit ihrer (Zwangs)Lage. Denn als Elke endlich nicht mehr übersehen kann, was sie zuvor lange nicht Kenntnis nehmen wollte, muss sie sich entscheiden: Will sie Arndt wider besseren Wissens Glauben schenken und sich dabei wissentlich belügen? Es ist ein Moment, in dem man vor dem Bildschirm den Atem anhält, als ginge es für die Figuren um Leben und Tod. Geht es ja auch.