Halb Ware, halb Müll

Tatort „Wegwerfmädchen“ (ARD)


Wenn Menschen zur Ware degradiert werden, ist ihr Tod nur noch eine lästige „Entsorgungsfrage“. Mit einer Radikalität, die sich wohl nur der „Tatort“ ohne Publikumsverlust leisten kann, veranschaulichen Stefan Dähnert (Buch) und Franziska Meletzky (Regie), worum es bei Menschenhandel und Zwangsprostitution geht. Noch während die Vorspanntitel laufen, zeigt „Wegwerfmädchen“ in stummen Bildern zwei Mädchen, die von einer entgrenzten Herrengesellschaft missbraucht und misshandelt werden. Als das „Gelage“ vorüber ist, kommt ein rauer Geselle, der die leblosen gespritzten Körper in blaue Abfallsäcke stopft und in einen Müllwagen verbringt. Der Schredder würde morgen früh aus den Leichen, die einmal Mädchen waren, unidentifizierbare Fleischstücke machen. Nur ein Gewerkschaftsstreik verhindert das. Die Szene, die nun folgt, bleibt haften, auch weil es Kamerafrau Eeva Flug gelingt, in allem grauenvollen Elend noch so etwas wie die Erhabenheit des Lebens zu zeigen: Aus den Müllbergen vor der Verbrennungsanlage steigt die geschundene Larissa – halbnackt, halbtot, halb Ware, halb Müll.


Maria Furtwängler selbst hat das Thema von „Wegwerfmädchen“ angeregt. „Mich interessiert im weitesten Sinne der Wert von Weiblichkeit in unserer Gesellschaft“ gibt sie im „Tatort“-Presseheft zur Begründung an. Ihr soziales Engagement gegen „Gewalt gegen Kinder“ und für die „Somaly Mam Foundation“ in Afrika hat ihr sicher etliche traurige Einblicke in den Kampf gegen Sexsklaverei und Zwangsprostitution gewährt. Man möchte die Schauspielerin für ihre Bereitschaft loben, sich in den Dienst dieses sehenswert inszenierten Themen-Tatort zu stellen. Der stellt schließlich Pädophilie nicht als abnorme Sexualität einer kranken Minderheit, sondern als Machtdemonstration einer (Ober)-Schicht dar.


Im Zentrum stehen reiche Männer, die sich wehrlose Jungfrauen zuführen lassen wie Koks, weil das Spiel mit dem Verbotenen ihnen den entscheidenden Partykick verschafft. Natürlich fällt einem da ein, dass Maria Furtwängler, seit 1991 mit dem Verleger Hubert Burda verheiratet, sich in den beschriebenen Kreisen sicher seit besser auskennt als die meisten „Tatort“-Zuschauer. Auf die Frage, ob sie glaube, dass in jenen so genannten besseren Kreisen die geschilderten Missbrauchsfälle Usus seien, antwortet Furtwängler aufrichtig: „Nach meinem Gefühl ist so etwas auf gar keinen Fall Usus, aber es lässt sich auch nicht leugnen, dass es passiert – nehmen Sie den Skandal um den Partyabend der Ergo-Versicherung in Budapest oder auch den Fall VW, bei dem Manager Betriebsratsmitglieder mit Lustreisen bestochen haben.“


Vieles, das dieser „Tatort“ an zwei Sonntagabenden erzählt, ist im wahren Leben so oder ähnlich passiert. So wurde eine Zeitungsnotiz über einen Leichenfund auf der Müllhalde zum Ausgangspunkt für Dähnerts Drehbuch. Und auch die Model-Agenturen, auf denen die jungen Frauen mit dem Versprechen auf eine Modelkarriere aus Weißrussland nach Hannover oder anderswo gelockt worden, existieren. Stück für Stück entblättert die Krimikommissarin Lindholm im Film jene reibungslos funktionierende, Schichten und Ländergrenzen umspannenden Logistik, die auch im wahren Leben hinter jedem aufgedeckten Einzelfall stehen muss: Die Luden fürs Grobe, die Juristen für die Vertuschung, die Mittäter für die Korruption, die Grenzer fürs Weggucken. Es ist nicht der erste Fernsehkrimi, der sich dem Thema Zwangsprostitution annimmt. Aber „Wegwerfmädchen“ ist nicht in der üblichen Not, den Genrekrimi mit dem sozialen Anliegen innerhalb der üblichen 90 Minuten notdürftig verweben zu müssen.


Die Entscheidung für eine Doppelfolge – der zweite Teil heißt „Das goldene Band“ und wird am kommenden Sonntag gezeigt – ermöglicht eine weitläufigere Erzählweise, was beidem gut tut: Der Krimispannung und dem sozialen Anliegen. Denn am Ende des ersten Teils wird Kommissarin Lindholm ihren Mordfall zwar abschließen können, ohne freilich auf diesen Erfolg stolz zu sein. Der gefasste Täter ist zwar zu Recht verurteilt, aber er war es ja, darin ist sich die Kommissarin mit dem Publikum einig, nicht allein. Lindholm hat doch verloren. Zu viele haben zu viel zu gut vertuscht. Mit dem Erzählabstand von sechs Wochen findet sich dann ein neuer Anfangsverdacht – und eine neue Kollegin, der die Vorgeschichte zu erzählen, dramaturgisch auch innerhalb der Krimihandlung nun Sinn macht. Statt hastiger Recaps, die Versatzstücke aus dem Teil 1 noch einmal zusammenfassen, muss Lindholm ihre Ermittlungen, ihre Entscheidungen und auch Fehler nun noch einmal einer neuen Figur gegenüber rechtfertigen.


Die durchweg souveräne und spannungsgeladene Regie von Franziska Meletzky geht in diesem zweiten Teil zuweilen etwas ironischer mit der Hauptfigur Lindholm um als im ersten, der noch dem bekannten Motiv „Lindholm gegen den Rest der Welt“ folgte. Und Maria Furtwängler läuft, wo der spröde Ehrgeiz ihrer Rolle etwas ins Absurde überzeichnet wird, nun erst Recht zu großer Form auf. Der Biß, mit dem Lindholm den Fall „um jeden Preis“ lösen möchte, wird so mehr denn je zur gefährlichen Charakterschwäche, die vor allem für Lindholms Sohn böse ausgehen könnte, wenn die Einzelkämpferin nicht noch vor dem Abspann endlich teamfähig wird.