Und tschüß, „Wetten dass..?!“


Es geht ja schon lange nicht mehr um „Wetten, dass..?!“, und es ging doch letztlich nie um Markus Lanz! Die Frage des letzten Jahres – „Was wird aus der erfolgreichsten Unterhaltungsshow des Deutschen Fernsehens?“ war von Anfang an zu klein gefragt. So musste die Antwort „nix“ von ZDF-Programmdirektor Himmler unbefriedigend sein.  Denn Himmler hatte die Entscheidung, „Wetten, dass“ am 13. Dezember zu beenden, lediglich operativ begründet. Er beschrieb, wie sich Rahmenbedingungen für das Format geändert haben. Anders als früher sind US-Stars nun jederzeit und überall greifbar. Talentshows, in denen man sich vor einem großen Fernsehpublikum präsentieren kann, haben inzwischen auch die anderen Sender. Das Sofafernsehen der ganzen Familie ist dem Zeitgeist zum Opfer gefallen. Das alles stimmt – und ist sogar nur die Spitze des Eisbergs.


Die Akzeptanz der Castingshows schwindet ja schon wieder. Stefan Raab arbeitet sich bei ProSieben am eigenen und am Alterungsprozess des Senders ab. Die „Next Generation“ der auch schon nicht mehr wirklich jungen Stars wie „Joko & Klaas“ haben den Anspruch, originell zu sein, praktisch aufgegeben – oder vielleicht sogar nie gehabt. In jedem Fall haben die beiden schon beim Wechsel vom Spartenkanal MTV zur öffentlich-rechtlichen ZDF-Show „Neo paradise“ unter Beweis gestellt, dass sie überall gegen jede TV-Etikette verstoßen können, ohne an eine Grenze zu stoßen. Sie können sogar den Sender und das System (von GEZ-Kanal zu Privat-TV) wechseln und dabei unter neuem Namen die gleiche vorhersehbare Show wieder und wieder machen. Alles egal! Was sie machen, machen sie für die Joko&Klaas-Fans. Höchstwahrscheinlich gelänge es ohnehin nicht, mit einer anderen Unterhaltungsidee eine größere Zuschauermehrheit auf sich aufmerksam zu machen. Außer vielleicht das ZDF hätte ihnen 2013 „Wetten, dass“ angeboten -  wie 1987 der damalige Unterhaltungschef Wolfgang Penk dem 37-jährigen „Na so was“-Spaßmacher Thomas Gottschalk.


Aber wer weiß, ob heute glücken würde, was damals schon als Wagnis wahrgenommen worden war? Immerhin war Ende der achtziger Jahre das Fernsehen noch ein Massenereignis mit Zuschauerzahlen von 20 Millionen (für Gottschalks erste „Wetten, dass“-Show). Gerade in Penks Unterhaltungsabteilung verstand sich das ZDF darauf, mit Populärem wie „Die Schwarzwaldklinik“ (1985-1989) oder „Das Traumschiff“ (seit 1981) das televisionäre Lagerfeuer zu schüren. Zum Jahresanfang 2014 fuhr der neue „Traumschiff“-Kapitän Sascha Hehn eine Quote von knapp neun Millionen Zuschauern ein. „Wetten, dass...?!“ landete zum Schluß bei weniger als sechs Millionen. In beiden Fällen dominierten die Senioren und die Kinder das Publikum. Wer würde sich heute noch zutrauen, mit einer Familienserie die ganze Familie zu unterhalten?


Die Segregation des Publikums ist schon oft beschrieben worden: Es gibt nicht mehr nur ein Publikum, sondern viele nach Alter und Geschlecht unterteilte Zielgruppen. Es gibt zudem für den Zuschauer nicht mehr nur DAS Fernsehen, sondern viele nach Alter und Geschlecht sortierte Programme. Es gibt für den Feierabend nicht nur das lineare Glotzen, sondern auch das von Arbeitszeit und Einkommen gesteuerte zeitsouveräne Downloaden. Es gibt nicht nur den Fernsehapparat, sondern auch den Computer und den Blue Ray-Player. Es gibt also alles in perfekter Qualität – und von allem ein bisschen zuviel.


Es ist ja ein interessanter Widerspruch: Das Fernsehen hat sich und sein Programm vom Morgenmagazin bis zur „Tagesschau“-App inzwischen derart ausgedehnt, dass es medialen unseren Alltag bis in den letzten Winkel durchdringt. Mit dieser Omnipräsenz hat es sich aber gerade nicht unentbehrlich gemacht, sondern wird vielmehr von vielen heute häufiger übersehen als ehedem.


Überhaupt lassen sich die einschlägigen Medienerfolge gut als Paradox beschreiben: In seiner Blütezeit der siebziger und achtziger Jahre einte es die westdeutsche Gesellschaft in der allgemeinen Empörung über die unzulänglichen, politisch unausgewogenen, unzüchtigen oder inkorrekten Programminhalte wesentlich besser als  dieser Tage durch den gesendeten Zielgruppenkonsens. Bei Youtube sind heute Anbieter und Zuschauer automatisch Teil einer Milliarden Menschen umfassenden Weltgemeinschaft. Aber schauen sich je zwei Menschen zur gleichen Zeit die gleiche Abfolge von Videos an? Die Internationalen Anbieter hochwertiger Fernsehserien  wie HBO oder Netflix zeigen ihre Serien nicht mehr Folge für Folge, sondern liefern gleich die ganze Staffel zum Bingeviewing aus. Obwohl die Serienfans sich die Show nun nicht selten auf kleinstem Bildschirm ansehen, erwarten und erhalten sie trotzdem HD-Bilder von kinematographischer Qualität, die technisch wie inszenatorisch alles bisher Dagewesene des Fernsehens weit überragen.


Als Frank Elstner 1981 „Wetten, dass“ konzipierte, erfand er einen sehr produktiven Widerspruch: Nicht die prominenten Wettpaten, sondern kleinen Leute bestimmten das Geschehen der große Samstagabendshow.  Je nichtsnutziger die Wettideen waren (Hand aufs Herz: Wer braucht schon einen LKW auf vier Biergläsern?) desto spektakulärer, also wertiger wurde das Fernsehereignis. Aus dem Rückspiegel der Formatgeschichte betrachtet bilden die diversen Reformen bei „Wetten, dass...?!“ die Entwicklung des Fernsehens im Kleinen präzise ab: Die Wetten wurden immer spektakulärer, bald eroberten die Stuntmen oder Extremsportler die Bühne und brachten das Publikum professionell zum Staunen. Mit dem Routinier Thomas Gottschalk, der sich aufs Sofaplaudern mit eingekauften Hollywoodstars trefflich verstand, lief die Show von Mal zu Mal reibungsloser – bis zum tragischen Unfall von Samuel Koch. Nach der Zäsur entschied man sich verständlicherweise für noch weniger Wagnis – in Bezug auf die Wettangebote wie bei der Wahl des neuen Moderators.


In der kurzen Ära Lanz war an „Wetten, dass...“ eigentlich nichts mehr auszusetzen – außer, dass es ein perfekt eingespieltes, aber auch ziemlich langweiliges Ritual geworden war. Die Sendung ist nicht an den sich ändernden Rahmenbedingungen gescheitert, sondern an sich selbst. Sie ist immer besser und besser geworden und dann implodiert. Dem linearen Fernsehen könnte es bald ähnlich gehen. Es wird nur überleben, wenn es sich wieder angreifbar macht.