In jeder Minute eine Gratwanderung

Das Zeugenhaus (ZDF)


Die Begebenheit ist unerhört und doch auf den ersten Blick kein Filmstoff: Zur Vorbereitung der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse führten die Alliierten zwei Gästehäuser, in denen sie die Zeugen unterbrachten. Aus Platzmangel – auch Nürnberg lag in Schutt und Asche – wurden Opfer und Täter unterschiedslos unter dem gleichen Dach untergebracht. Durch den Zufallsfund eines Gästebuches wurde die Spiegel-Journalistin und Autorin Christiane Kohl Jahrzehnte später auf diese „Wohngemeinschaft“ aufmerksam, die aus heutiger Sicht eine bizarre Konstruktion ist: Die Überlebenden des Holocaust und der Erfinder der Gestapo an einem Tisch? Der Hitlerfotograf Hoffmann oder Görings Sekretärin Wand an Wand mit Erwin Lahousen, dem Kronzeugen der Anklage? 


Henriette von Schirach, die in ihren Memoiren Hitler als „gemütlichen Österreicher“ verharmloste, wird in dem Fernsehfilm „Das Zeugenaus“ nun von Rosalie Thomass gespielt. Dass ihre Figur beim Fünf-Uhr-Tee im Zeugenhaus so arglos vom netten „Onkel Hitler“ schwadroniert, hat ihr der Drehbuchautor Magnus Vattrodt in den Mund gelegt. Dessen Dialogführung ist in jeder Minute des Films eine Gratwanderung: Wieviel von der damaligen Perspektive der NS-Oligarchie und deren zeitgenössischen Uneinsichtigkeit kann fast siebzig Jahre nach Kriegsende und mit all unserem historischen Weltwissen unwidersprochen gezeigt werden? Vattrodt dehnt die Zeit, bis Henny die (von uns schon erwartete) Strafe für ihre Naziplapperei ereilt: Eine andere Bewohnerin schleudert ihr vor aller Augen eine Tasse heißen Tees ins Gesicht. 


So monströs die historische Begebenheit ist, von der „Das Zeugenhaus“ erzählt, so leise und sensibel lösen Autor Magnus Vattrodt und Regisseur Matti Geschonneck sie für das Publikum von heute in alltägliche Szenen auf. Die vielen namhaften Schauspieler des Ensembles – von Edgar Selge bis Matthias Brandt und Tobias Moretti, von Gisela Schneeberger bis Johanna Gastdorf und Iris Berben – rechtfertigen mit ihrer Präsenz diesen Inszenierungsstil und tragen damit ihren gewichtigen Teil zum Gelingen einer schwierigen Übung bei. Denn vor allem die allemal gebotene Zurückhaltung in der Inszenierung macht den Stoff 2014 zu einem gelungenen und damit unbedingt sehenswerten Fernsehereignis.


Zunächst hatte Matti Geschonneck, Meister des Kammerspiels, gleich zweimal das Regieangebot von Produzent Oliver Berben abgelehnt. Der wiederum hatte die Rechte an dem gleichnamigen Sachbuch von Christiane Kohl früh erworben, aber zunächst mit einem anderen Autor keinen fruchtbaren Ansatz für die Umsetzung gefunden. Mit Magnus Vattrodt hat sich der Film nun ein gehöriges Stück von der Buchvorlage (mit all seinen historischen Verästelungen) entfernt. Denn das Buch konnte anekdotischer und weitschweifender erzählen als es einer Filmdramaturgie gut tut.


Im Zentrum der Verfilmung steht nun nicht mehr die historische Gräfin Ingeborg Kalnoky mit ihren Kindern, sondern eine fiktive, auch viel ältere adelige Hausdame, die zudem auch noch ein persönliches Geheimnis mit sich herumträgt. Iris Berben, die mit Matti Geschonneck bereits „Silberhochzeit“ und „Liebesjahre“ drehte, spielt sie mit der entsprechenden blaublütigen Grandezza, aber emotional zurückhaltend und extrem konzentriert. Vor allem in den Begegnungen mit den Partnern Tobias Moretti und Matthias Brandt entstehen so dichte Kammerspielmomente. Aber auch „unten“ im Salon ist die ostentativ entpolitisierte Höflichkeit der Gräfin Anstoß zu bedrückenden Tischgesprächen. Zu den historisch verbürgten Gesprächen, die Eingang in den Film gefunden haben, gehört die förmliche Entschuldigung der wahren Gräfin Kalnoky, wohlmöglich die polnischen Namen der Gäste nicht richtig auszusprechen. „Sie haben alle Nummern, liebe Gräfin“ soll ein Widerstandkämpfer eingeworfen haben. „Vielleicht würde es Herrn Hoffmann freuen, wenn sie sich mit den Nummern vorstellten?“ Darauf der Hitler-Fotograf, im Film großartig gespielt von Udo Samel: „Warum nicht?“


Eine Herausforderung, die die ZDF-Verfilmung immer wieder bewältigen muss, ist die Ordnung der vielen verschiedenen Kenntnisschichten: Wir wissen, was in Auschwitz passiert ist, aber nicht mehr, wer Rudolf Diels ist. Auch im historischen Zeugenhaus war nicht jedem automatisch klar, wer eigentlich sein Mitbewohner ist und warum er von den Alliierten nach Nürnberg beordert worden war. Manch ein Zeuge konnte morgen schon selbst angeklagt werden. Diese Unkenntnis der Filmfiguren nutzt Vattrodt nun, um das Publikum von heute organisch und elegant über die historischen Bezüge aufzuklären und gleichzeitig die nötige Neugier und Spannung zu erzeugen.


Für Fernsehfilmchef Reinhold Elschot ist „Das Zeugenhaus“ einer der wichtigsten ZDF-Fernsehfilme der letzten Jahre. Tatsächlich fügt der Film einer langen Reihe von hervorragenden Filmen über die NS-Zeit ein weiteres Puzzleteilchen hinzu. Wichtiger als das ist aber die Tatsache, dass „Das Zeugenhaus“ im aufwändig nachinszenierten historischen Gewand über so etwas ganz Universelles nachdenkt wie persönliche Schuld.