Über die Liebe

Zwei allein“ (arte/ZDF)


Ihr Glück ist von Dauer, und es ist vom Alltag noch nicht abgenutzt. Mit wenigen Eingangsszenen macht der Fernsehfilm „Zwei allein“ sogleich nachfühlbar, wie innig sich der Busfahrer Benni (Elmar Wepper) und die Schuhverkäuferin Henri (Gundi Ellert) zugetan sind. Aber gleich in der nächsten Einstellung wird schon deutlich: die eben gesehene rasante nächtliche Busfahrt durch München, die biergeschwängerte Begeisterung, der Polizei durch ein gewagtes Ausweichmanöver noch eben entkommen zu sein, die ungebrochene Freude aneinander - all dies ist schon eine kleine Weile her.


Drehbuchautor Friedrich Arni erzählt seine Liebesgeschichte nicht chronologisch, sondern motivisch. Was genau sich zwischen das euphorische Gestern und das melancholische Heute geschoben hat, bleibt noch eine Zeitlang unklar. Wie eine Detektivarbeit muss sich der Zuschauer die Eckdaten und Teilinformationen zusammenklauben, bis sich ein komplexes widersprüchliches Bild von großer Einsamkeit inmitten von tiefer Verbundenheit ergibt.


Auf der banalen Ebene der Handlung ist „Zwei allein“ eine Mordsgeschichte: Am helllichten Tag, vor den angstgeweiteten Augen ihrer Schwester wird Henni im Park von einem Taschendieb ausgeraubt und niedergeschossen. Sie erliegt im Krankenhaus ihren Verletzungen, Ehemann Benni stirbt an gebrochenem Herzen mit. „Ich bin jetzt Witwer“, sagt er tonlos zu seiner Schwägerin Gerlinde (Johanna Bittenbinder), als sei damit für immer alles gesagt. Dann lässt er die Frau stehen und zieht die Tür seines Münchner Stadtrandhäuschen hinter sich zu. Aber Gerlinde ertrotzt sich in den nächsten Tagen den Zugang zu seiner Wohnung, macht ihm den Haushalt, trauert aus, was er in sich hineinfrisst. Und fragt sich immer häufiger, ob die Polizei wohl richtig liegt mit ihrer Annahme, das der gesuchte Parkräuber auch Henris Mörder ist. Was, wenn Benni die krebskranke Henri „vor der Zeit“ erlöst hat? War der Schuss ins Herz dann eigentlich ein feiger Mord oder eine mutige Tat?


Der Berliner Regisseur Stephan Wagner ist bestens mit den Stilmitteln des Krimigenres vertraut. Mit voller Absicht überinszeniert er die Verhörszenen der Ermittler, überdehnt die Frage nach dem „Wer war’s?“, entzieht der Geschichte ihre Flüssigkeit. Denn der Krimi ist nur der Schleier, mit dem sich sein Liebesdrama notdürftig verhüllt. In Wahrheit geht es nie darum, was gestern geschah, sondern darum, was nie mehr sein wird: „Im Paradies könnte es nicht schöner sein“, sagt Benni einmal zu seiner Frau. Ohne Henri ist es nun die reine Hölle. Elmar Wepper, der schon 2008 in Doris Dörries „Kirschblüten – Hanami“ zeigte, wie unendlich anrührend und uneitel er große Gefühle spielen kann, zieht hier wieder alle Register, ohne dass er je überspielt oder sich im Ton vergreift. Aber auch Gundi Ellert als seine Frau Henri und vor allem Johanna Bittenbinder als hilflos-wütend überbemutternde Schwägerin machen den Film mit dem großen Thema zu einem kleinen Kunstwerk.


Eine nicht unwichtige Nebenrolle spielt freilich München als Handlungsort. Die „Hauptstadt der Herzen“, in der sich in den siebziger Jahren die katholische Gottesfürchtigkeit und überbordender Lebenshunger miteinander aussöhnten konnten wie sonst nirgends in Westdeutschland, bildet mehr als die Backstory für die Figuren und den Spielort des Dramas. Die Stadt wird in den Landschaftsbildern und Innenansichten auch zum umfassenden Statement für einen urbanen Lebensentwurf, der zugleich vom spießigen Jägerzaun eng umrahmt und von innerer Gedankenfreiheit weit umspannt ist. Viele Menschen leben so. Nicht alle erschießen ihre Ehefrauen. Wenige finden Halt im Glauben. Einige Trost bei dem Gedanken, dass das Leben vor dem Tod jede Träne wert war. „Zwei allein“ erzählt von alldem. Es ist ein zutiefst trauriger und zugleich unverschämt aufmunternder Liebesfilm.